‚FRÄNKISCH-PROMETHEISCHE SYMPHONIE’ – ROMAN DES MUSIKERS DANIEL NOTHAFFT VON JAKOB WASSERMANN

 

 

Z  „ Die Landschaft hat vielfaches Grün; vom Rednitztal bis zum Taubertal hinüber ziehen sich tiefe Wälder, meist Nadelholz. Doch um die Dörfer ist in weitem Bogen alles bebaut, denn ist uralter Kulturboden. An den zahlreichen Weihern steht das Gras höher, so hoch oft, dass man von den Gänseherden nur die Schnäbel gewahrt, und wäre das Geschnatter nicht, man könnte sie für wunderlich bewegte Blumen halten, diese Schnäbel.

Das Städtchen Eschenbach liegt ganz flach in der Ebene. Es ist ein übriggebliebenes Stück Mittelalter, aber die Fremden kennen es nicht, es ist stundenweit von jeder Bahnlinie entfernt. Ansbach ist die nächste Stadt im grossen Ring des Verkehrs; um sie zu erreichen, bedient man sich der Postkutsche. So heute wie damals, als Gottfried Nothafft, der Weber, dort lebte.

Die Stadtmauern sind mit Moos und Efeu bewachsen; über den Graben führen noch die alten Zugbrücken durch baufällige runde Tore in die Strassen. Die Häuser haben Erker und weitvorspringende Firste, und ihr gekreuztes Balkenwerk sieht aus wie Muskelgeflecht.

Von dem Dichter, der einst hier geboren wurde und der das Lied vom Parzival sang, wissen die Leute nichts mehr. Vielleicht rauschen in der Nacht die Brunnen von ihm, vielleicht wandelt sein Schatten manchmal im Mondschein um Kirche und Rathaus. Die Menschen wissen nichts mehr von ihm.“ 

 

A   An diesem literarischen Genrebild Mittelfrankens ist zunächst nichts Auffälliges: der Autor führt uns mittels des Naturidylls ein in das spezifische Ambiente seines Romans. Bei näherem Hinsehen allerdings bemerkt man, dass er sich – abseits üblicher Trivialeinleitungen – der musikalisch-literarischen Technik des Leitmotivs bedient:

-         da sind einmal die Gänse inmitten des hohen Grases, deren Schnäbel an seltsame Blumen erinnern; sie verweisen auf den Romantitel „Das Gänsemännchen“; dieser wiederum ist eine Anspielung auf den Hütejungen mit den zwei Gänsen unterm Arm, eine Figur, die den Brunnen des Nürnberger Marktplatzes ziert. Und da ist zum anderen der

-         Parzivaldichter Wolfram, der dem Städten Eschenbach Namen und Glanz verleiht und dessen Verschollenheit gleich zweimal betont wird.

 

Bedeutungsvoll leitet der Autor von Wolfram über zum bescheidenen Vaterhause des Romanhelden, - wie um zu zeigen, dass in Eschenbach etwas von der Präsenz des Dichters haften geblieben ist und nun unter anderem Vorzeichen, in anderer Hülle weiterwirken wird. Im Bild der Gänse und des Dichters nun vereint sich die Figur Parzivals: der Knabe Parzival ist es, der unwissend die Schwäne im heiligen Bezirk des Grals tötet und der vom Gralshüter Gurnemanz dafür zur Rechenschaft gezogen wird. In Richard Wagners Bühnenweihfestspiel „Parsifal“ weist Gurnemanz gegen Ende des Gralswunders den jungen Toren barsch aus dem Tempel mit den Worten:

Z  „ Doch rät dir Gurmanz/ lass du hier künftig die Schwäne in Ruh’/ und such dir Gänser die Gans.“

 

A  Dass in dem Roman „Das Gänsemännchen“ ein anderer Parsifal heranreift, der die Eigenschaften Wolframs mit den geläuterten Wagners verbindet, ist evident. Ebenso klar ist, dass er ein Musiker sein muss in der Gefolgschaft der grossen deutschen Klassiker und Romantiker. Das Erbe, das auf ihm  gleich doppelt lastet – als Lebens- und als Schaffenshypothek – dieses Erbe wird als gegeben vorausgesetzt.

Entsprechend des Parzival-Themas ist am Anfang des Romans von Richard Wagner die Rede; aber nicht in dem süchtig-dekadenten Sinne wie bei Thomas Mann, sondern bodenständiger.  Schon der Name des Helden: ‚Daniel Nothafft’ berührt sich mit dem Lieblingsbegriff Wagners – „Die Noth“. Das ursprüngliche Lutherwort wird von Wagner in einem Gedicht als Kunstmetapher behandelt und taucht immer wieder in seinen Schriften  und Musikdramen auf.

 Und ähnlich wie bei dem kleinen Hanno Buddenbrook bei Thomas Mann verklärt der Name Wagner die freudlose und harte Kindheit Daniels, die - ebenfalls wie bei Mann - unter der Obhut eines Kantors verläuft, und die der Autor hier im Zeitraffer vorüberrasen lässt:

 

Z  „ Wie er in Ansbach beim Lederhändler Hamecher auf den Warenballen sitzt, im langen öden Tor, oder auf den Stufen einer Kellertreppe, oder auf dem Speicher und träumt, träumt, träumt. Und wie sich Herrn Hamechers nachsichtige Verwunderung in Entrüstung verwandelt und er dem Unbrauchbaren den Laufpass gibt.

Wie dann Pate Jason Philipp Schimmelweis noch einmal Gnade vor Recht ergehen lässt und einen neuen Schauplatz mit neuen Menschen für pädagogisch erspriesslich hält, schon um Kantor Spindlers Einfluss zu mindern.   Wie von Bayreuth gesprochen wird und wie niemand Daniels feuriges Erschauern bemerkt, weil ihnen der Name Richard Wagners fremd ist und der Name des dortigen Weinhändlers Meier vertraut. Wie er nach Bayreuth kommt, dem Jerusalem seiner Sehnsucht, und sich zum Scheinfleiss zwingt, um nur bleiben zu dürfen, wo Sonne, Luft und Erde, die Tiere, der Kehricht und die Steine jene Musik aushauchen, von der Kantor Spindler gesagt, dass er sie wohl ahne, aber zu alt sei, um sie zu fassen oder zu lieben.“

 

A Wie die Mädel, die die Nürnberger Festwiese zieren, stammt der Autor des „Gänsemännchen“ Jakob Wassermann aus dem benachbarten Fürth. Doch mit der beschwingten Idylle der Dorfschönen verbindet ihn wenig . Als Sohn eines Spielwarenhändlers gehört Wassermann den zahlreichen jüdischen Bewohnern Fürths an;( die prominente Namen aufweisen wie den früheren USA-Aussenminister Kissinger). Von Wassermanns Problemen als assimilierte Jude in Franken zeugen einige seiner Werke – so der Roman „Die Juden von Zirndorf“ und die Autobiographie „Mein Weg als Deutscher und Jude“. Wassermann ist ein assimilierter Jude par ecellence, Einer, der die deutsche Kultur ernster nimmt und tiefer auslegt als so mancher deutsche Zeitgenosse.  Sein obengennantes Buch berichtet von dem Leidensweg, den ihm die deutsch-jüdische Allianz bescherte.   In seinen Romanen spielt das „Ahasver“-Motiv  eine prägende Rolle; auch dem Helden dieses Buches haftet ein ahasverischer Zug an.

Eine Verbrämung seiner Vaterstadt Nürnberg à la „Meistersinger“ liegt Wassermann naturgemäss fern; wenn überhaupt, dann stehen ihm die nächtigen, verwinkelten  Gassen der Prügelszene näher als die prangende Festwiese. Fritz Martini:

 

Z  „ Wassermanns Roman ist eine schonungslose Chronik der inneren Zersetzungen der Bürgerlichkeit. Die Stadt Nürnberg, diese Stadt grosser Kunst und provinzieller Spiessbürgerei, ist mit ihren düsteren Gassen, Winkeln, Dachstuben und Kellern ein Spiegel des Zerfallens. Überall lauert dem Helden Daniel Nothafft das Bösartige im Gewand des Biedermanns auf. Es quillt und wuchert hinter den Mauern, in den engen Stuben der schönen alten Stadt; es höhnt und verwundet auf den Gassen. Lüge und Feindwelt, Verkümmerung und Verkrüppelung ringsum – eine ‚Höllenbreughelsche Versammlung’ in der Maske alltäglicher Bürgerlichkeit.“

 

Das „Gänsemännchen“ findet bei seinem Erscheinen 1914 eine breite und willige Leserschaft; - ja man kann von einem ausgesprochenen Bestseller sprechen. Das Buch entsteht zu einer Zeit, die dem Künstler- oder Musikerroman gewogen ist, - man denke etwa an

-         Friedrich Huchs Roman „Enzio“ und an

-          Romain Rollands zehnbändiges Musikerepos „Jean Christophe“. Über allen Werken lagert die Gewitterschwüle des 1. Weltkrieges und alle beschwören sie die von diesem Krieg zum Untergang bedrohte Kultur. Und alle Werke kreisen wie auch die Thomas Manns und Hermann Hesses um das deutsche Land des Geistes, der Philosophie und der Musik. Und für die Gralssucher in diesen Epen bildet die deutsche Romantik den geistigen Nährboden . Sechs Pfennig Leihgebühr zahlt der frierende und hungernde Daniel Nothafft für seine Lieblingslektüre:

 

Z  „ Achim von Arnim und Jean Paul waren in jener Zeit seine Dichter; bei dem einen fand er die Welt von außen wunderbar geschmückt, bei dem andern innen.“

 

A  Zum  geistig-künstlerischen Ambiente gesellt sich das naturalistische Klischee der Armut. Seit  Hugo, Dickens , Zola und Gerhard Hauptmann wird das Bild des hungernden Genies fast zum Diktum; wie zum Beweis zeigen Manns Hanno und Friedrich Huchs Enzio, dass Genie vom Luxus erstickt werden kann. Daniel Nothafft wird in die damals sprichwörtliche Armut der Leineweber hineingeboren. Da der naive Vater seine Ersparnisse überdies dem korrupten Schwager Schimmelweis anvertraut, ist das materielle Schicksal Daniels besiegelt; fortan friert, hungert und darbt sich dieser verkörperte Eigensinn durchs Leben. Abrupt getrennt von der Mutter, die ihn nicht versteht und verächtlich ablehnend gegenüber dem falschen Paten, der ihn zum Handwerk zwingen will, verkauft Daniel sein letztes Gut, die Partitur der Bachschen h-moll-Messe, um zu überleben. Um die Kluft zwischen äusserer Armut und innerem Reichtum, kalter Welt und glühender Seele, Jammertal und Elysium ins Extrem zu treiben, schreckt Wassermann vor Trivialbildern nicht zurück. So bemüht er die mysteriöse Maske der L’Inconnue, der Unbekannten von der Seine, um die abgeschottete Innenwelt seines Helden zu demonstrieren. Mehrfach geistert das tragische Schicksal jener Pariser Unbekannten durch die Kunst:

Ödön von Horvath widmet ihr ein Drama und Kurt Weill ein Lied, um nur einige zu nennen. Wassermann gibt ihr die Gestalt einer Zingarella, einer Zigeunersoubrette, deren verzweifelte Annäherung Daniel ungerührt lässt, deren Totenmaske ihn jedoch fesselt. Wassermann beleuchtet hiermit die Lebenseinstellung seines Helden, die später zur Katastrophe führt. Ein genialer Augenblick des Buches, wo das Elend der Zigeunerin beim Helden eine Meditation in As-Dur auslöst. Unerbittlich getrennt sind Aussen- und Innenwelt:

 

Z  „ Das Mädchen trat zu Daniel, sank auf die Knie und legte die Stirn auf seinen Schenkel. ‚Ich bin am Ende’, murmelte sie kaum hörbar, ‚ am Ende von allem.’

Der Schnee prasselte an die Fensterscheiben. Mit einem Ausdruck, als ob seine Gedanken einander mordeten, blickte Daniel in die Ecke, aus welcher die Katze Zephir mit gelbglühenden Augen herüberblinzelte. In seinem Gesicht bebten die Muskeln, wie Fische beben, wenn man sie von der Angel reisst.

Und als er so kauerte, die Arme an den Leib gepresst, die Schultern geduckt, kam es wieder empor aus der Tiefe des Meeres:  zuerst ein hinstürmendes Arpeggio in As-Dur, und darüber, Ruhe gebietend, ein majestätisches Thema in Sechzehnteldreiklängen.. Mit einem Septakkord in Forte stürzten sie zusammen. Ein Ringen, ein Scheitern, ein Weiterwandern, und aus dem gedämpften Pianissimo schwebte die sanfte Stimme in es-moll auf.   O Stimme! O Menschheit! Die Achtel, in ihrer unerbittlichen Wucht, schritten tiefer, wühlender in den Bass, hoheitsvoller trug es die gelöste Stimme in den Es-Dur-Akkord, und nun wurde alles wahr! Was Schatten und Traum und Sehnen und Wollen gewesen, wurde wahr. Er selbst wurde wahr.

Auf dem Heimweg deckte er die Hand über das Gesicht, denn die Fenster der Häuser blickten ihn an wie die leeren Augen einer Dirne.“

 

Jude, Zigeuner, Künstler – die Trinität dieser drei Outlaws, dieser von der bürgerlichen Gesellschaft Geächteten, bildet für Wassermann noch eine echte Realität. Im Bild der L’Inconnue-Maske treffen sich die Drei: der Gipsabdruck der ertrunkenen Zingarella bezaubert den halbverhungerten Daniel:

 

Z  „ Der unvergleichlich hingegebene holde Schmerz im Ausdruck der Maske, die Seligkeit unter den langbewimperten Lidern, das halb erloschene Lächeln unter den Mundbogen, und etwas Geisterhaftes noch, ein Dasein fern von Tod und Leben, all dies steigerte sein Gefühl zu abergläubischer Andacht, die ganze Zukunft schien ihm vom Besitz der Maske abzuhängen, und ohne zu überlegen, stürzte er in den Laden.“

 

Da er die Maske nicht bezahlen kann, bietet ihm ein anderer Kunde des Ladens, Dr. Benda, an, die Maske für ihn zu kaufen; er überzeugt den Widerstrebenden, lädt ihn zum Essen ein und wird künftig sein einziger Freund. Es ist evident, dass Wassermann in der Figur des Wissenschaftlers Benda den humanen Juden und zugleich sich selbst porträtiert als einfühlsamen Begleiter des verlorenen Künstlers. Der Autor gibt uns die erste Beschreibung seines Helden aus der Sicht des Einzigen, der ihn versteht:

 

Z  „ Benda hätte Daniels Gesicht in der Finsternis zeichnen können:

Die runde Stirn, die spitzige, kleine störrische Nase, den hart verkniffenen Mund, das eckige Musikantenkinn und die tiefen Gruben in den Wangen.

Er wusste nichts vom Musiker. Wie alle Gelehrten hatte er stets ein Misstrauen gegen die übermächtigen Einflüsse der Kunst gehegt.

Der Musiker war ihm neu. Wie sah er ihn? Als einen blinden Menschen, der innerlich verbrannte. Als einen berauschten Menschen, der innerlich verbrannte. Als einen berauschten Menschen, der auf alle andern Menschen den Eindruck abstossender Nüchternheit machte. Als einen Besessenen von einer höchst schauerlichen Einsamkeit, deren er sich nicht recht bewusst war. Als einen ungeschlachten Bauern mit den Nerven eines Entarteten.“

 

Doch Wassermann fühlt nicht nur mit seinem leidenden Helden von der autobiographischen Sicht des anderen Aussenseiters Bendas her: er selbst steckt in Daniel Nothafft. Mit Nothafft beurteilt und verurteilt er eine ihm innerlich fremde, feindlich gesinnte Umwelt. Mit dieser typisch deutschen Weltfremdheit aber hadert er ebenfalls, denn auch er verhärtete sich aus reiner Kunstbesessenheit gegenüber seiner Umwelt, wurde  blind selbst gegenüber nahen Angehörigen:

 

Z  „ Zwei Tatsachen bleiben mir unverrückbar:

Erstens, dass ich mitten in einer deutschen Stadt in einem Verhältnis zur Welt stand wie Robinson auf seiner Insel; zweitens, dass ich diese dauernde und düstere Isolierung nur ertrug, weil ich wie die Seidenraupe in einer Schutzkapsel lebte, in einem animalischen Hindämmern, Hinwarten auf heftigste empfindlich wohl für alles, was mit mir sich begab, für Menschen, Dinge, Stimmen, Farben, Ton, Wort und Hauch, aber doch nur traumempfindlich, gleich einem, in dem sich etwas erschafft, woran er bloss den Anteil hat, der durch seine Existenz gegeben ist, während er sonst Werkzeug ist. Denn die Kunst, wie ich und mein Held Nothafft sie erfuhren, verzehrt das Menschliche. Kunst ist ein Moloch; sie frisst Seelen und lässt ihrem Opfer nur den Schein der Selbstbestimmung.“

 

A  Mit Daniel Nothafft und seinem Autor befinden wir uns mitten im spätromantisch-expressionistischen Stadium der Kunstreligion. Aus dem blumenhaschenden Parsifal wird der Ferne-Klangsucher und ‚Nahes-Leid’-Vermeider Fritz. Aus der Religion der Kunst ist ein Zwang geworden, ein Moloch, wie Wassermann sagt. Diese Anschauung leitet sich noch von  der rhetorischen Frage her, die sich 1853 der Wegbereiter des l’art pour l’art, Gustave Flaubert stellte:

Z  „ Die Kunst! Was ist denn diese wütende Chimäre, die uns das Herz zerbeisst, und weshalb?“

A   ‚Kunst kommt von Müssen’ – folgert der Handwerksfanatiker Arnold Schönberg zwanghaft  -und

„ Ich muss – Liebste – ich muss“ singt auch der Fritz aus Franz Schrekers Oper „Der ferne Klang“. Er muss seinem inneren Klang-Drang folgen, denn ihm schwebt ein hohes, hehres Ziel vor Augen, für das er seine ach so niedrige Grete verlassen muss. Und wie Fritz an der Welt seiner Grete vorbeisegelt und –lebt, so stellt sich Daniel durch seinen Schaffensdrang ausserhalb der Welt:

 

Z  „ ... und je herrischer die Ordnung sei, unter die er Geist und Phantasie gestellt, je verlorener treibe sein leibliches Teil im Chaos der Werktagswelt. Den Himmel trage er nur als Traum in sich, unter den Menschen sei für ihn die Hölle. Und wie tot alles um ihn liege, ein Kirchhof; sein beherztestes Leben werde allgemach zu Schatten und Ungestalt entfleischt, aber dass er grausam sei gegen die Menschen, spüre er wohl, denn jene lebten ja auch, unschuldiger als er und nützlicher.“

 

A  Wie behauptet sich dieser prometheische Schaffensdrang des Helden, dieser absolute Werkfetischismus inmitten einer naturalistisch-gotischen Stadtkulisse?

Denn Wassermann liebt keine Kunsterörterungen, wie wir sie seitenweise bei Friedrich und Felix Huch, bei Romain Rolland und erst recht bei Thomas Mann finden. Er geht den rein sekundären Handlungsgefügen eines „Dr. Faustus“, wo der Held auf  Hof Schweigestill zum Stillschweigen verurteilt ist, entschieden aus dem Weg. Wassermann wirft seinen Daniel geradezu ins ‚volle Menschenleben’, um zu demonstrieren, dass er hier ‚fremd ein-und-ausziehe’ wie Schuberts Winter-Wanderer.

In Gerhard Hauptmanns Tragikomödie  „Die Ratten“ findet die Kunst in Schillers Ausprägung auf dem Dachboden der Hassenreutherschen Theaterrequisiten statt, während gleichzeitig die proletarische Tragödie im Treppenhaus abrollt. Ähnlich drastisch stellt Wassermann seinen schaffenden Träumer in eine minutiös beschriebene Alltagswelt, die von Neid, Bosheit, Niedertracht, Betrug, animalischen Gelüsten und vertierten menschlichen Eigenschaften erfüllt ist: das Butzenscheiben-Bürgertum Nürnbergs, zugleich eine wahre Kloake des Zusammenlebens.

Mit expressionistischer Schärfe profilieren sich die Personen, die Gegenfiguren des Helden; zum Teil wie Dieser mit der Kunst beschäftigt, aber allesamt Zerrbilder der Kunst. Musikprofessor Döderlein, der Daniel die ersten Hoffnungen macht und sie bald darauf grausam wieder zerstört; dessen Schwager Carovius mit seiner Liebe zu Abgründigem und zur Musik; Impresario Dörmaul und Assistent Wurzelmann, welcher Letzterer sich vom Paulus zum Saulus verkehrt.

Bei der Schilderung  seiner Greuelcharaktere unterlaufen Wassermann Überzeichnungen, die anzeigen, dass man sich nicht mehr in der gesicherten Welt eines Balzac oder Dickens befindet. Schon die Maske der Inconnue will nicht recht zur traditionellen Figur der Zingarella passen. Bei dem Bösewicht und Erbpreller Daniels mit dem passenden Namen Schimmelweis fragt man sich, was sein Westfalentum mit seinem schmierigen Charakter zu tun haben soll:

 

Z  „ Auf dem Kornmarkt in Nürnberg betrieb Jason Philipp Schimmelweis, der Mann von Mariannes Schwester, eine Buchbinderei.

Schimmelweis war ein Westfale. Er war aus Hass gegen Junker und Pfaffen in die protestantische Stadt im Süden gekommen und hatte von Anfang an allen Leuten durch seine Mundfertigkeit grosse Achtung abgenötigt.

Er verachtete sein Handwerk und wollte höher hinaus. Er fühlte den Beruf zum Buchhändler in sich; aber um diesen Plan zu verwirklichen, mangelte es ihm an Kapital.“

 

A  Das Kapital stellt sich ein in Form von dreitausend Mark, die Schwager Nothafft ihm anvertraut, und deren Veruntreuung den Grundstein bilden für Daniels künftiges Elend. Für sein endgültiges Unglück sorgt die Jason-Philipps Tochter mit dem sinnigen Namen Philippine, deren fatales Wirken sich bereits in den abstossenden Zügen des Kleinkindes ankündigt.

Dem finsteren Schmarotzer Schimmelweis stellt sich ein anderer Bösewicht an die Seite: der Rentier Carovius. Zur Darstellung dieses dämonischen Kleinbürgers hoffmannesker Statur versteigt sich Wassermann zu dem Attribut ‚Ein Nero unserer Zeit’. Das unzutreffende Neroetikett gilt der monströsen Negativität des Carovius, die sich mit abgöttischer Liebe für die Musik verbindet, - gleichsam ein Alterego Daniel Nothaffts, pervertiert  in schwarzes Spiessertum.

 

Z  „ Sein Geist haftete mit Vergnügem an allem Üblem, Jämmerlichen, Traurigen und Beklagenswertem, das auf dem Erdball oder im Sternenraum passiert und zu seiner Kenntnis gelangt war. Sein Kopf war ein Magazin wüster und schrecklicher Begebenheiten; von Krankheitsgeschichten, Entführungen, Diebstählen, Einbrüchen, Attentaten, Elementarkatastrophen, Seuchen, Lustmorden, Selbstmorden, Duellen, Bankrotten und Familienzwistigkeiten.

Die Not der andern, die begangenen Verrätereien, die Übergriffe der Grossen, die Bedrückung der Geringen, die Vergewaltigung des Rechts und die Leiden, die täglich Tausende ertragen mussten, alles dies schmeichelte ihm, beschäftigte ihn und wiegte ihn in eine süsse Empfindung von Sicherheit.“

 

„ Aber dann dass er zu Hause an seinem Klavier und spielte mit schwärmerischem Augenaufschlag ein Adagio von Beethoven oder ein Impromptu von Schubert. Wenn in einem Bachschen Oratorium die Chöre erschallten, wurde er vor Entzücken bleich, und er konnte Tränen vergiessen beim Anhören eines kunstvoll gesungen Liedes.

Er liebte die Musik bis zur Abgötterei.“  (Musik aus)

„ Er war ein Kleinbürger mit entfesselten Instinkten. Er war ein Aufrührer von konservativer Haltung. Er war ein Nero ohne Diener, ohne Macht und ohne Land. Er war ein Musiker aus Verzweiflung und aus Eitelkeit. Er war ein Nero unserer Zeit.“

 

 

A  Das Feindestrio Schimmelweis-Döderlein-Carovius trifft zusammen wie die drei Hexen aus „Macbeth“ bei dem Ereignis, das in keinem Musikerroman fehlt und das stets eine gewisse Peripetie der Handlung bildet: ein Konzert mit Werken  des Helden. In den meisten Romanen endet dieses Konzert mit einem Fiasko, getreu den grossen Ereignissen der Musikgeschichte, die sich oft genug Misverständnissen und Skandalen verdanken. Quelle dieser Misverständnisse ist in der Regel die schlechte bis entstellende Wiedergabe der Stücke. Interessant hierbei die Einfühlung des Autors in erfundene oder nachempfundene Musikstücke mit literarischen Mitteln; was dem Musiker die Analyse ist, gerinnt dem Dichter zur imaginär- poetischen Paraphrase. Die Orchesterwerke Daniel Nothaffts lassen sich unschwer als Perlen neudeutscher Musik entschlüsseln: die „Nürnbergische Serenade“ im Fahrwasser der Meistersingerouvertüre angesiedelt zwischen Reger, Pfitzner und Humperdinck; die Tondichtung „Vineta“ kommt in ihrer Beschwörung der versunkenen Stadt bei Nordlicht atmosphärisch den Stromschnellen der „Moldau“, dem Sturm von „La Mer“ und dem Lamento der „Toteninsel“ nahe.

 

Z  „ Mit einem Zusammenspiel der Bläser setzte die Nürnbergische Serenade ein. Es war ein kräftiges und burschikoses Thema, das dann die Geigen übernahmen, um es launisch zu zerpflücken und allmählich in das Bereich der Träumerei zu führen. Da wurde die Nacht lebendig, da surrte ein süsser Sommerwind, da tanzten Leuchtkäfer; gotische Dome erhoben sich in der schwülen Dunkelheit, und kleinbürgerliche Gestalten krochen in verwinkelten Gassen; Heroisches mischte sich mit Scherzhaftem, Fantastisches mit Burleskem, die Romantik fand ihr Widerspiel, alles im Fluss echter Melodie, schlank im Bau, reizend in der Gliederung.“ 14 „ Das Stück ‚Vineta’ fing mit einem rhythmisch ruhigen und klagenden Satz an, der sich plötzlich in ein tobendes Presto verwandelte, und die kaum zur Sammlung gediehene melodische Figur wurde zerfetzt wie eine Blumengirlande in einem Wassersturz. Dann flossen die nach allen Richtungen des Erdkreises auseinandergestobenen Elemente zögernd und reuevoll wieder in eine Kette, es schien, als habe sie der tolle Wirbel reicher, reiner und beseelter entlassen, und bei langsam abschwellenden, bis zu choralartig feierlicher Dehnung gemässigtem Tempo verschmolzen sie wieder in das lieblich ernste Hauptthema, das dann mit einem arpeggierten Akkord in die Unendlichkeit hinüberströmte.“ (Musik aus)

 

A  Trotz oder vielleicht gerade wegen der Brahmsschen Altrhapsodie gibt es auch eine Nothafftsche „Harzreise im Winter“- jenseits jeglicher Süsse, wie uns der Autor versichert:

 

Z  „ Das Werk war voll von den Brechungen und Halbtönen, die es trotz des strengen Baues zum Kinde seiner Zeit stempelte. Es hatte keinerlei erschlossene Süssigkeit; es war rau wie die Rinde der Bäume; sein Rhythmus war einförmig, nur auf Steigerung berechnet. Es hatte nichts von Verführung, nichts von Tanzgelüsten, keinen Schmelz, nur Fülle und Äusserstes; die Melodie verborgen wie der Kern in harter Schale, hinabgepresst, unterirdisch gebunden, um nur ein einziges Mal überwältigend emporzusteigen, emporzujubeln: Aber den Einsamen hüll’ in deine Goldwolken! Umgib mit Wintergrün , bis die Rose wieder heranreift, die feuchten Haare; O Liebe, deines Dichters!“

 

Doch nicht die eigenen Werke führen zum Debakel, - sie bringen ihrem Helden einen beachtlichen Erfolg; nein, die Verhunzung der dritten Leonoren-Ouvertüre lässt den altruistischen Hitzkopf und Beethovenjünger explodieren: da statt der

„hochgewaltigen Wildheit“ nur ein „verworrenes, trübes Getöse“ aus dem Orchester erklingt, greift Daniel wutschnaubend ein und den Dirigenten Döderlein mit „Eisenfingern“ an und verscherzt sich so alle zukünftigen Chancen.

Mit der Leonorenouvertüre verknüpft sich schicksalhaft  der Name Lenore, im Frauenreigen um Daniel die Hauptfigur. Beziehungsvoll der Name: mit Beethovens Leonore teilt sie den Heldenmut im Kampf für den Geliebten, - mit der Lenore aus Bürgers gleichnamiger Schauerballade hingegen teilt sie das Geschick der Totenbraut. Doch zunächst verstellt die Bindung Daniels an Lenore seine Beziehung zu deren Schwester Gertrud. Gertrud, eine dunkle Frömmlerin, wird von Daniels Musik erweckt, stellt sich aufopfernd demutsvoll in seinen Dienst und wird seine Frau. Der Held verstrickt sich in seine Realitätsferne, hört nicht auf die Stimme des Freundes Benda, der zu Lenore rät und folgt lieber der Stimme trügerischer Innerlichkeit. Gertrud verhärmt sich bis zur Erniedrigung in ihrer Anbetung für den spröden Daniel und schenkt ihm ein Kind, das er nur mit unheimlicher Regung beachtet. Als sie endlich das Verhältnis ihrer Schwester zu Daniel ahnt, fördert sie es noch und scheidet endlich durch Selbstmord aus dieser menage à trois. Hier setzt jene Folge von Schicksalsschlägen ein, die sich zur Unglaubwürdigkeit steigert und Katastrophe in Kolportage umschlagen lässt. Derart gehäufte Tragik erliegt dem Fluch der Lächerlichkeit, wie es in Frank Wedekinds Stück „Musik“ heisst. Mag der Freitod Gertruds noch hingehen; warum aber das Lichtwesen Lenore, das so gradlinig zu handeln versteht, sich nach dem Süden Italiens sehnt und sich dennoch so selbstsicher graziös auf dem Eis bewegt, - warum diese ideale Gefährtin des Helden an der Geburt ihres Kindes sterben muss, leuchtet nur mit dem Hiobsargument ein. Das Hiobsschicksal teilt Daniel Nothafft denn auch mit seinem literarischen Bruder Franz  Biberkopf aus dem Roman „Berlin Alexanderplatz“ von Alfred Döblin. Hier wie dort ist das Hiobsmotiv beabsichtigt, - bei Döblin ausgewiesen durch Bibelzitat und das allanwesende  Lied vom „Schnitter,der heisst Tod“. Wassermann verweist seinem Thema gemäss auf Orpheus, den Erwecker der Schatten und Verlierer des Lebendigen. Nennt Thomas Mann den Erzähler den ‚raunenden Beschwörer des Imperfekts’, so sieht Wassermann im Musiker den Klangrauner des Perfekts:

 

Z  „ Dies ist das Wunderbare und das Lasterhafte am Musiker. Ihm gehören die Dinge und die Menschen nicht, während sie sein eigen sind. Er lebt mit Schatten, und nur, was er verloren hat, wird ein Lebendiges. Losgelöst vom Augenblick, greift er nach dem, der gewesen ist, nach dem gestrigen Tag, und stürmt ungeduldig in den morgigen. Was er in Händen trägt, ist verdorrt, was hinter ihm am Wege liegt, ist in Blüte. Sein Denken ist ein Winter zwischen zwei Frühlingen, dem wahren, der vorüber ist, und dem kommenden, den er nur träumt, und, wenn er einbricht, versäumt. Er sieht nicht, er hat gesehen; er liebt nicht, er hat geliebt; er ist nicht glücklich, er war nur glücklich. Gebrochene Augen öffnen sich im Grabe, und die lebenden, die hineinblicken, jetzt alles erblicken, alles verstehen, alles verklären und schmücken, erscheinen sich vom Tod und seiner immerwährenden Dauer wie betrogen.“

 

A  Zu einem Parzifal gehört eine Kundry, zum Gralssucher eine Botin, die – selber ein halbes Tier – dennoch nach der Aura des Erlösers schmachtet. Mit dem Monster Philippine Schimmelweis gelingt Wassermann die Groteske einer Nürnberger Urteufelin, einer Höllenrose in Kleinbürgerformat. Hässlich und triefäugig vertritt sie das böse Prinzip, denn  „ von ihrem zwölften Jahr wurde ihr Geist ausschliesslich vom Hass regiert.“ Da der betrügerische Vater ihr Daniel zugesprochen hat, heftet sie sich seit dem legendären Konzert hartnäckig an die Fersen des Helden, durchlebt und durchwebt alle seine Miseren aus der Nähe, betreut seine Kinder und assistiert den Ehefrauen bis zu deren unglücklichem Ende:

 

Z  „ Als sie ihn im Konzertsaal erblickte, war er ihr schon der Versprochene; er gehörte ihr; ihn zu erringen, ihn in ihre Gewalt zu bekommen, gleich auf welche Art, war ihr unveränderliches Trachten, ein Gefühl, in welchem sich Tierisches und Wahnsinn seltsam mischte.“

 

A   Dass Wassermann in der tückischen Philippine tatsächlich eine Art Kundry sieht, verrät das Kapitel mit dem Titel  „Der Teufel fährt in Flammen aus dem Haus“. Zunächst ist es Daniels dritte Frau, Dorothea Döderlein, die den Helden fluchtartig verlässt, nachdem sie ihn mit allen Mitteln weiblicher Kunst ausgebeutet und hintergangen hatte. Philippine hingegen legt Hand an die Truhe, in der Daniels Schatz – seine sämtlichen Kompositionen – aufbewahrt wird. Sie vollzieht gleichsam den imaginären Beischlaf mit Daniels Noten, vollbringt eine destruktive Katharsis, eine zerstörende Reinigung, indem sie das Werk verbrennt, mit dem der Künstler sein Leben betrügen wollte. Mit diesem ‚Feuerzauber’ antizipiert Wassermann die zahllosen Finalbrände von Horrorfilmen, aber auch Finalszenen aus Schrekeropern wie „Irrelohe“ und „Der singende Teufel“:

 

Z  „  Philippine stand in einem Haufen brennenden Papiers. Sie hatte Daniels Truhe geöffnet, alle Handschriften herausgeworfen und sie in Brand gesteckt. Der Anblick, den sie bot, war fürchterlich. Ihre Haare hingen verworren über die Schultern, mit den Armen machte sie unablässige Bewegungen, als ziehe sie an einem Brunnenschwengel, aus ihrem Mund kamen hohle, lallende, gurgelnde Töne, die nichts Menschenähnliches hatten, ihr von Flammen bestrahltes Gesicht zeigte eine grauenvolle Wollust, und während Herr Carovius und der alte Jordan wie gelähmt auf der Schwelle standen, fing sie an zu hopsen und streckte dabei die Hände gegen das Feuer aus, welches immer höher schlug.“

 

A  In diesem Augenblick absoluten Tiefstandes des Helden schaltet sich die Titelfigur – das Gänsemännchen - als lokaler Schutzgeist ein, nicht unähnlich in seiner Volksweisheit dem Glasmännlein aus Wilhelm Hauffs „Kaltem Herz“.

Die von Hofmannsthal und Mann immer wieder gepredigte Hinwendung zum Leben, -  hier wird sie zum schlichten, das Rührstück freilich streifenden Fabelereignis. Das Gänsemännchen nimmt Daniels rasende Schaffensmetaphysik, seine Werkobsession, die zuletzt noch mit einer prometheischen Symphonie ringt, in die Mangel

 

Z  „ Hättest du doch gelebt, gelebt, gelebt, ganz wahr und ganz nah wie ein Nackender im Dornendickicht! Dann hätt es dich niedergetreten, aber deine Liebe wäre wirklich gewesen, den Hass, den du erfahren, wirklich, das Unglück wirklich, die Lüge wirklich, Spott und Verrat wirklich, und noch die Schatten deiner Toten hätten Wirklichkeit gehabt.“

A  Das Gänsemännchen lädt Daniel zum Identitätentausch ein:

Z  „ Wie Christus sprech ich zu dir: steh auf und wandle! Geh mit mir auf meinen Platz. Sei ich, vom morgen bis zum Abend sei einmal ich, und ich will du sein.“

 

A  Ein Aufbruch ins 20. Jahrhundert, weg von Elfenbeinturm und Künstler-Ich, hin zur Gemeinschaft und zum Alltag. Wassermanns religiöser Weg ins Soziale, im Vormarsch von Döblin, Brecht und anderen Autoren der zwanziger Jahre. Ein gewandelter Nothafft, ein anderer Parzival, der zurück nach Eschenbach kehrt, aber nicht um zu schaffen, sondern um zu lehren.