HEITER-SCHMERZLICHE KENNTNIS DER MENSCHENSEELE“                       - EIN MUSIKALISCHER  ROMAN      Friedrich Huchs  „Enzio“

 

Z  „ Ob der Junge ihm wohl ähnlich werden würde? Dann konnte er sich nur freuen. – Er verschob etwas den grünen Lichtschirm und trat zum Spiegel. Das war ihm ein gewohnter Gang.  Er galt als einer der schönsten Männer der Stadt und liebte es, sich dieses manchmal vor sich selber zu bestätigen.

Die Stirn war ohne Zweifel fest, stark, schön gebaut, bedeutend; sie passte gut zu dem eben geformten, grossen Mund und zu seiner untersetzten, breiten Gestalt. Auch die Nase gefiel ihm ausnehmend gut: sie sah geradezu edel aus und bog auch nicht um die kleinste Linie nach links oder rechts ab.  Dann begegnete er seinen Augen:

Gross, schön und sanft... leider etwas verschwommen! murmelte er und seufzte leise.

Unwillkürlich sah er zum Flügel hin, auf dem seine letzte Komposition stand.  Er war längst in den Reifejahren und sein Name ragte kaum über die Grenzen seines Orts hinaus. Sollte er sich mit den verkannten Genies trösten, oder war es wirklich so, wie er in heimlichen Momenten dachte: dass er zwar ein ganz guter Kapellmeister, aber kein guter Tondichter sei?

Mit halbem Widerwillen trat er zum Flügel, blätterte hie und da in dem beschriebenen Heft, und alle die ihm bis zum Überdruss bekannten, halb wirklich erfundenen, halb ausgedachten Motive starrten ihn so entsetzlich breitspurig und anspruchsvoll an!     Wie wäre es, schoss es ihm durch den Kopf, wenn ich mein Thema zu einer Festmusik für die Taufe meines Sohnes verwendete?  Das gäbe eine wunderschöne Überraschung für Cäcilie! Er sang es, indem er mit dem rechten Arme dazu dirigierte, aber plötzlich stutzte er, dachte nach, ging endlich zu dem grossen Wandschrank, holte eine gewisse Partitur und schlug sie auf.“

 

„ Wahrhaftig! Da stand sein schönes Thema, schon vor über fünfzig Jahren erfunden und gedruckt, fast genau so wie sein eigenes, nur rhythmisch noch konziser und viel besser in der Linie. Er liess sich wieder in seinen Sessel fallen. Schumann! Schumann! rief er : muss ich denn immer und ewig gegen diesen Kerl anrennen! Ich hatte so felsenfest geglaubt, dieser Einfall sei von  mir! Ist das nun Diebstahl? Nein, es ist viel schlimmer!  Ein unbewusstes Nachschleichen!“ 

 

A  „ A star is born!“ –: ein Musiker erblickt das Licht der Welt!

Könnte eine poetische Ouvertüre besser anfangen als mit der Geburt des Künstlers, dessen dornenvollen wie sternenklaren Weg wir einen Roman hindurch verfolgen dürfen? Noch besser, wenn der Vater des Goldkindes auch Musiker, Dirigent und Komponist ist, gut oder schlecht, schwach oder stark, hässlich oder schön, sodass die Last des väterlichen Erbes von Beginn an spürbar wird.

Der Vater des vorliegenden Wundersöhnchens mit Namen Heinrich ist schön und schwach, ohne aussergewöhnlichen Nimbus, frönt dem Alkohol und entlehnt seine melodischen Einfälle Schumann – kein segensreicher Auftakt für die Geburt eines Genies.    Dieses wird „Enzio“ heissen ; „Enzio“ ist der Titel eines Romans, der weniger den Aufstieg eines strahlenden Kometen am Musikerfirmament zum Inhalt hat als vielmehr dessen jähen  Ikarus-Absturz; mit ihm vollzieht sich gleichsam die Dekadenz eines ganzen Genres.

Friedrich Huch  heisst sein Autor ; er krönt mit diesem Roman eine kurze Dichterlaufbahn, die  sich mit Werken wie „Peter Michel“, „Mao“ und „Pitt und Fox“ ein sentimental-ironisches Sonderterrain erringt. Thomas Mann, der dieser Sendung den Titel gibt, hält dem Frühverstorbenen die Grabrede .

Friedrich entstammt der Dichterdynastie der Huchs, zählt Ricarda und Rudolf zu seinen Vettern sowie den Abenteuerschriftsteller Friedrich Gerstäcker zu seinem Grossvater. Auch sein sieben Jahre jüngerer Bruder Felix ergreift sehr viel später die Feder als Musikromancier; es kann wohl kein Zufall sein, dass  auch sein Erstlingsroman  „Der junge Beethoven“ mit der Geburt eines wirklichen Stars und der Konfrontation eines eitlen und schwachen Vaters beginnt:

 

Z  „ Johann von Beethoven erhebt sich und tritt vor die Wiege des Neugeborenen.

Es ist aufgewacht; seine grossen dunklen Augen blicken ernst auf den Vater. Der sieht eine Zeitlang starr auf das Kind; dann kniet er wieder vor dem Bett der Mutter nieder.      ‚Du sagst gar nichts?’ flüstert sie.

‚Lene! Bei unsrem Kind schwör’ ich dir: ich will mich bessern!  Nie wieder will ich einen Tropfen Wein über die Lippen bringen!’  Und erschüttert von seinem Edelmut bricht er aufs neue in Tränen aus.“  (Musik aus)

 

A  Felix  Huch rekreiert mit seinen  pathetischen Beethoven- und Mozartromanen, denen noch eine Weberbiographie folgen sollte, eine romantische Tradition, die von seinem Bruder Friedrich eigentlich schon vor dem 1.Weltkrieg zu Grabe getragen wurde:

Über dem „Enzio“ hängt, auf jeder Seite spürbar, die Dekadenzatmosphäre des Fin-de-siècle mit zaghaft optimistischen Ausblicken auf eine musikalische Zukunft.

Rund hundert Jahre begründen Aufstieg und Fall des deutschen Künstlerromans. Goethes „Wilhelm Meister“, von Friedrich Schlegel als „wahrhaft romantisches Buch“ gefeiert, liefert die Basis zu einer Künstlerprosa, die von Heinses „Ardinghello“, Novalis’ „Heinrich von Ofterdingen“ und Tiecks „Franz Sternbald“ über Hoffmanns Künstlergestalten Ritter Gluck, Cardillac und  Johannes Kreisler zu Mörikes Mozartnovelle , seinem Roman „Maler Nolten“, Kellers „Grünem Heinrich“ und Stifters „Nachkommenschaften“ führt. Der Künstler wird allmählich zur wohlfeilen Gegenfigur der Geschäftswelt, - mehr noch: sein Leben wird walzerfähig, wie der so betitelte Johann-Strauss-Walzer verrät. Franz Werfel protestiert gegen dieses Künstlerbild als Ausuferung bürgerlicher Verlogenheit und spricht von ‚Dachkammeridealismus’. Thomas Mann  dagegen hält fest am Künstler-Bürger- Klischee: zwar demonstriert er in den „Buddenbrooks“ ironisch, dass das Bürgertum in der Gestalt des lebensschwachen Hanno Buddenbrook zum Künstlertum ‚entartet’ ist; dennoch schickt er  Jahrzehnte später diesem Dekadenzbeitrag den konsolidierenden Musikerroman „Dr. Faustus“ hinterher.

 

Um gleich auf das Ende vorzugreifen: lebensschwach ist auch Enzio, der Held von Huchs Roman, wenn auch in völlig anderer Hinsicht als Hanno Buddenbrock. Eher kommt hier schon als Vergleich  der „Fabian“ von Erich Kästner in Betracht, dessen altruistischer Held mit dem berühmten Satz endet

Z  „ Fabian ertrank, denn er konnte nicht schwimmen.“

 

A  Es ist klar, dass Huchs Roman mit dieser gnadenlos nüchternen Feststellung eines Lebensuntüchtigen der Zwanziger Jahre nicht enden kann. „Enzio“ atmet die neuromantisch-todestrunkene Luft der Vorkriegszeit und todestrunken, wollüstig berauscht von der Idee des Endes selbst in der gefrorenen Atmosphäre des Ertrinkens im Eise ist der lebensmüde junge Held. Der Schluss atmet tristanisches Liebestod-Gefühl der Jahrhundertwende, des ‚Tristanismo’, den Alberto Savinio eine Kinderkrankheit nennt und dem Thomas Mann in seiner Tristannovelle die Dimension einer scherzhaften Lungenkrankheit mit tödlichem Ausgang gibt. Huch fügt dem Todes-und Selbstvernichtungsrausch eine bittere Prise Caspar-David-Friedrichscher Eismeer-Atmosphäre hinzu:

 

Z  „ Er lief weiter und weiter, nur in dem einen Wunsche: fort von ihr, allein sein.

Er flog unter den Brücken durch, die Menschen um ihn herum wurden weniger, es zeigten sich die breiten Wiesen, zwischen denen sich der Fluss hindurchwand.

Das Eis ward dünner, klirrende Laute warfen die Ufer zurück, Enzio floh hindurch, vereinzelte Menschen sahen ihm erstaunt nach, Warnungsrufe kamen durch die Luft zu ihm – er hörte sie nicht.

Nur weiter, weiter!

Die Weiden am Ufer starrten, Enzio flog an ihnen vorbei, als wenn das Schicksal selbst ihn vorwärtstriebe. Pfeifende Laute irrten den Grund entlang, er lief noch schneller, mit Anspannung aller Kräfte, er fühlte die drohende Gefahr, er biss die Zähne aufeinander und dachte :  mag es kommen wie es will – so oder so – mein Leben ist in jedem Fall vernichtet. Das Sterben ist nicht schwer, ich habe es schon einmal erfahren, ich fordere das Geschick heraus - - mag es jetzt tun, was es will – selbst wenn ich noch einmal ein neues Leben anfangen könnte - - er vollendete den Gedanken nicht: ganz dicht vor ihm drohte der unentrinnbare Untergang, in seine Augen trat die Todesangst, ein Ruck ging durch seinen Körper, er wollte die gewaltige Schnelligkeit, mit der er dahinflog, hemmen - - um ihn herum splitterte und krachte es, er stürzte mit der Stirn nach vorn, eiskalter Schmerz durchbohrte sie wie eine Speeresspitze, er fühlte wie er sank, fremde Stimmen rauschten, und die Wasser schlossen sich über ihm.“

 

A  Auch im „Enzio“ ist – wie könnte es anders sein – vom „Tristan“ die Rede, doch ist Huch weit entfernt von Stilisierungen in Richtung  eines Eros/Thanatos-Pathos  Manns oder Gabriele d’Annuzios. Entgegen so manchem Schriftstellerkollegen ist er kein berauschter Dilettant, sondern hat Musik studiert und kennt das kompositorische Handwerk. Den „Tristan“ führt Enzios  Vater auf, Kapellmeister des süddeutschen Städtchens und Komponist mittelmässiger Opern; der Vater-Sohn-Diskurs kreist  mithin  ganz praxisbezogen um die Einrichtung der Partitur für beschränkte Stadttheaterverhältnisse, um das Einziehen von Stimmen etc. Nur Enzios Mutter mit dem bezeichnenden Namen Cäcilie gestattet sich eine tiefere Bemerkung:

 

Z  „ Diese Musik, sagte sie zu Richard, empfinde ich nicht als Musik, es ist, als wenn das Blut in Tönen redete!“

 

A  Die Isolde wird von der ersten Kraft des Ortes gegeben mit dem klingenden Opernnamen Armida Battoni. Der über die Tristankenntnis einer italienischen Sängerin möglicherweise erstaunte Leser erfährt bald darauf, dass Armida in Wahrheit Emma Schmälzle heisst, - glücklicherweise erst gegen Ende, denn die Rolle, die Armida im Reigen der Frauengestalten um Enzio spielt, wäre  ohne ihren südlichen Künstlernamen allzu trivial.

Enzio, das enfant prodigue selbst also. Schon der prätentiöse Name, von Mutter Cäcilie durchgesetzt gegen den leichten Protest des Kapellmeisters, ist ein Artefakt. Huch umgibt Enzio mit allem Romantikflair, das einen idealen Künstler auszeichnet, umwindet ihn mit Dorian-Gray-Liebreiz aller Art – und nimmt ihm gleichzeitig jede Chance, sich auf Erden zu verwirklichen. Von aussergewöhnlicher Schönheit ist er zugleich mit stark aufnahmefähiger Musikalität begabt, die ihn kompositorisch über den selbstgenügsamen Vater hinauswachsen lässt. Doch zeigt sich recht bald die – zeitgemässe -Liebe des Jungen zu Alterationsklängen, deren Auflösung er hinauszögern oder ganz vermeiden will; klar, dass dieses Verweilen wollen im Kokon zartester Dissonanz  letztlich ein Symptom für die Todessehnsucht bildet:

 

Z    Unter den Akkorden war einer, von dem er glaubte, dass es ihn eigentlich nicht gäbe, dass er ihn gefunden habe, und das war der allerschönste. Es war ein Akkord mit einem Vorhalt, der auf die Auflösung wartete, und es lag in ihm eine so schmerzliche Süssigkeit, dass er ihn immer von neuem anschlug und sich leise an ihm berauschte. In diesem Klang war etwas, das ganz anders war als alles in der Welt, etwas, das mit allem nicht einverstanden war und sich nach einem andern sehnte, ohne es zu finden; denn Enzio versuchte stets erfolglos aus ihm herauszukommen, immer auf eine andere Weise.“

 

A  Huch umschreibt  hier in sublimierter Form das Verharren seines Helden im Embryonalzustand. Dieser hängt zwangsläufig mit einer Mutterbindung zusammen, über deren inzestuösem Charakter kein Zweifel besteht:

 

Z  „ Der einzige Mensch, auf den er all seine Liebe und Zärtlichkeit ausschüttete, war und blieb seine Mutter. Zuweilen war sie überrascht über die Art seiner Liebkosungen. Er strich ihr das Haar zurück und küsste sie langsam und innig auf die Stirne, oder kam von hinten, und sie fühlte seine warmen, weichen Lippen voll auf ihrem Nacken ruhn, oder aber, wenn es geschehen konnte, nahm er ihren Kopf, bog ihn zu sich hinab, vergrub Nase und Mund in ihr volles Haar, küsste mitten hinein und sagte mit einem wohligen Seufzer: O, riechen deine Haare herrlich! – Oft umschlang er sie auch unversehens von hinten, dass sie fast umfiel, nachdem die grade gesagt hatte, nun habe er sie genug geküsst; und wenn sich ihre zierliche Figur dann freimachen wollte, hielt er sie fest, lachte laut über ihr Sträuben und ruhte nicht eher, als bis er seinen Willen hatte.“

 

A  Um dem Inzest zu entgehen, braucht Enzio eine imaginäre Mutterfigur – gleichsam die Mutter auf der Opernbühne:

 

Z  „ Das höchste, herrlichste Wesen, das er kannte, war Fräulein Battoni, die am Theater die Stellung einer Primadonna einnahm. Als Agathe im Freischütz hatte sie auf ihn einen unauslöschlichen Eindruck gemacht, und abends, wenn er im Bette lag, dachte er oft: O, wenn ich sie doch kennenlernen könnte! Endlich vertraute er sich seinem Vater an: wenn ich sie nur einmal, einmal aus der Nähe sehen dürfte! – Findest du sie denn so schön? – O wunderschön! – Der Kapellmeister sah ihn mit schmelzendem Blicke an und sagte: Göttlich ist sie, du hast recht!“ (Musik aus)

 

A  Ob Huch den ‚schmelzenden Blick’ des Kapellmeisters ironisch gemeint hat, weil die Battoni eigentlich Schmälzle heisst, oder weil er ihr Liebhaber ist, sei dahingestellt; auch sie empfindet von Anfang an eine heftige Neigung für ihren ‚Engel’ Enzio. Die schicksalhafte Begegnung zwischen dem Knaben und der reifen Frau ist unvermeidlich. Die Inzestaufwallung ist gegenseitig: Enzio liebt unbewusst das sinnliche Alterego seiner idolisierten Mutter, die Battoni ihrerseits empfindet Pikanterie bei der Vorstellung, den Sohn ihres Liebhabers zu verführen. Genau zu der Zeit, in der der „Rosenkavalier“ entsteht, entwirft Huch eine Oktavian/Marschallin-Prosaszene, die an Jugendstilemphase der Strauss/Hofmannsthalschen kaum nachsteht, - bis auf die  ernüchternd bürgerliche Coda, dass Armida alias Emma sich bei Enzio über ihr Verhältnis mit seinem Vater verplappert:

 

Z  „ Er sass stumm neben ihr. Sie drehte eine Blume zwischen den Fingern hin und her, bis sie endlich niederfiel, auf die Bank, zwischen sie beide. Er griff nach ihr, sie ebenfalls, und ihre Hände fanden sich. Beide sagten gar nichts.

Was du für schöne, starke Finger hast! sprach sie endlich , hob sie und legte sie gegen ihre heisse Wange. Ihn durchschauerte es. Und ohne dass sie noch ein weiteres Wort sprachen, waren sie eng zusammengerückt, und dann küsste sie ihn glühend auf den Mund. Er vergass in diesem Moment alles, er fühlte nur die Berührung dieser begehrenden Lippen, nur ihren weichen Frauenkörper, er umschlang sie heftig. – Enzio, murmelte sie, lass mich los! Er dachte nicht daran, er umschlang sie fester. Sie fühlte das Feuer seiner jungen Glieder, und nun liess sie sich treiben. Enzio! Flüsterte sie, ich weiss nicht mehr, was ich tue, ich bin verrückt geworden, ich liebe dich, Enzio, ich liebe dich, alles andere ist mir gleichgültig - - sie umarmte ihn von neuem: Enzio! Wenn du wolltest - - ich würde alles darum hingeben, auch deinen Vater, wenn es sein müsste!“  ( Musik  nach ausgeblendetem Vorspiel: 1. Szene Oktavian/Marschallin  „Was heisst das:du?... ich hab dich lieb“)

 

A  Die Frauen werden Enzios Schicksal. So, wie er als Komponist in der Musik die Form nicht beherrschen lernt, sondern von Stück zu Stück wie von Stimmung zu Stimmung schweift, so lässt er sich von seinem Wechsel erotischer Leidenschaften lenken und bleibt Wachs in den fordernden Händen der Weiblichkeit. Wie Parsifal nascht er von allen Blumen und wird von ihnen im Kreise gejagt. Der kleinbürgerlich-kuriosen Puppenmacherin Pimpernell steht die knabenhafte, geradlinige Irene gegenüber; dazwischen das holde, treue, innig-

deutsche Bienle. Huch erweist sich als Meister der Künstleromans nicht etwa in dem hohen theoretischen Niveau musikalischer Diskurse, sondern in der Musikalität der Liebesepisoden. Mit Sensibilität für Tonartenwechsel stellt Enzio sich auf die jeweilige Partnerin ein, komponiert für Irene, der er sich innerlich tief zugehörig fühlt, vor deren unbedingter Reinheit er sich aber fürchtet; zugleich lässt er sich mit der drolligen Pimpernell ein, ohne den tückisch lauernden Zugriff dieser Kleinstadtpflanze zu bemerken; sie wird es sein, die seine Verlobung mit Irene vereitelt, was Enzio dem endgültigen Ruin entgegentreibt. Lange Zeit glaubt der Schwankende an seine beständigen Gefühle gegenüber dem rückhaltlos ergebenen Bienle; Diese erweist ihm Treue über den Tod hinaus dadurch, dass sie ein Kind von ihm empfängt und aufziehen wird. Dazwischen irrlichtert Mutter Cäcilie, verständnisvolle Gefährtin und schuldhaft verstrickt in die Liebeshändel des so selbstsüchtig geliebten Sohnes, dabei längst ahnend, dass ihm die eigentliche – für deutsche Musiker unentbehrliche – Tiefe abgeht.

 Bei den Frauengestalten spart Huch auch nicht mit Trivialität; Enzios Ausbruchversuch aus der Galerie deutscher Seelchen heisst Teresita. Sie vereinigt in sich alle Klischees glutvollen und heissblütigen Spaniertums, das dem schlaffen Germanismus mit  feurigen Tarantellarhythmen den Krieg ansagt und den Masochismus des Helden gehörig anstachelt– eine  Mischung etwa aus Martha Argerich und Josephine Baker:

 

Z  „ An einem der nächsten Nachmittage war sie bei ihm.  Sie spielte ihm vor.  Etwas Derartiges hatte er noch nie gehört: wild, exotisch, von einem Temperament, von einem Schwung, der ohne weiteres ins Blut ging. Bald sang, bald pfiff sie zwischen ihren Melodien, das Spiel ging in eine Tarantella über, und als sie endete, stand Enzio hochrot neben ihr. Sein Blut lohte; die Gedanken verliessen ihn, er fasste ihre Schläfen mit allen Fingern, suchte ihr Gesicht aufwärts zu wenden, mit Anspannung aller Kräfte gelang es, er presste seine Lippen auf die ihren zu einem langen Kuss. Sie erwiderte ihn aufs heftigste. Enzio lernte  eine neue Liebe kennen; das war nicht mehr die frühere, gemischt aus Seele und Gefühl, es war eine brennende, verzehrende Liebe, die sich immer neu an sich selbst entzündet, die die Nerven aufpeitscht,  schlaff macht und wiederum aufpeitscht, die aus sich selber eine raffinierte Kunst macht.“

A  Da Enzio mehr der Gunst der Frauen als dem Künstlerlorbeer nachstrebt, mithin der Dekadenz verfallen ist, braucht er eine Gegenfigur, die all das verkörpert, was ihm fehlt: gestaltenden Formwillen, Ausdauer, Beständigkeit, Zielstrebigkeit und Geduld bei unattraktivem Äusseren, extremer Schüchternheit und einem vulgären Geschmack, was Frauen betrifft. Diese Kontrafigur heisst Richard und bleibt durch alle Wirren seines jungen Daseins hindurch Enzios treuer Freund und Bewunderer. Huch folgt der Grimmschen Fabel vom Bruder Sparer und Bruder Vertuer und wendet sie als bittere Wahrheit auf die Kunst an: Enzio verschwendet seine reiche Natur an das Leben, Richard spart und wahrt sein Inneres für den grossen Durchbruch, den Huch  Enzio und den Leser schmerzvoll ahnen lässt. Als Modell für diesen deutschen Richard steht der 23-jährige Wilhelm Furtwängler, der um die Zeit der Entstehung des Romans sein Te Deum vollendete. Vermutlich lernt Huch bei seinem Musikstudium den jungen Korrepetitor und Felix-Mottl-Schüler in München kennen . Der Diskurs, den Enzio und Richard über die Musik anstellen, verweist deutlich auf Ansichten Furtwänglers: die Betonung der Form und mit ihr die absolute Dominanz Beethovens bei Richard gegenüber der programmatisch-neudeutschen Ausrichtung Enzios. Huch siedelt sein fiktives Beethovenbild gegen Geniekult und Klassikerverehrung als ein Zentrum musikalischen Gesetzes an, wie es Furtwängler in seinem ersten Beethovenaufsatz von 1918 tut. Im übrigen sagt uns die lange Erörterung über die Urwahrheit der Beethovenschen Form, die sich bei Schumann, Brahms und Bruckner aufzulösen beginnt, nicht mehr viel Neues; interessant ist sie im Hinblick auf Huchs Helden, der ihr nicht mehr genügen kann und will. Am Schluss muss Enzio mit all seiner erotisch-musikalischen Freigebigkeit kapitulieren vor dem disziplinierten Gestaltungswillen Richards: der gelähmte Barockengel gegenüber dem aufstrebenden Dachkammeridealisten. Dem für Enzio vernichtenden Vortrag von Richards Opus 1 folgt wie ein Fallbeil das moralische Urteil  aus dem herben Mund von Richards Mutter, formuliert mit dem Unfehlbarkeitsanspruch  der selbstgerechten Bürgersfrau:

 

Z  „ Als er ging, traf er im Vorplatz Richards Mutter. Sie sah ihn erst sinnend an, dann sagte sie freundlich: Nun, sind Sie zurückgekommen?

Wie sieht der eingefallen und verändert aus! sprach sie später zu Richard, der arme Mensch, er tut mir wirklich leid. Jetzt endlich kommt der Jammer über ihn. Ich wusste es immer, dass niemals etwas aus ihm wird. Sein Leben war von Anfang an verpfuscht. Ein Mensch wie er, verwöhnt vom ersten Augenblicke seines Daseins, und von solcher Schönheit, müsste einen Charakter von Stahl haben, um seinem Leben dagegen das Gleichgewicht zu halten. Ich danke Gott, dass er uns so schlimme Jahre der Entbehrung geschickt hat, und dass es uns niemals sehr gut gehen wird im Leben.“

 

Die Süsse des nahen Todes hatte Enzio schon einmal ausgekostet:

Bei gemeinsamem Schlittschuhlauf mit Irene auf dem zugefrorenen Fluss war er der Leichtsinnigen  zaudernd gefolgt und statt ihrer eingebrochen. Im Angesicht der Todesgefahr denkt er nur an Irenes Rettung und zeigt, dass ihm an seiner eigenen kaum etwas liegt:

 

Z  „ Er hatte inzwischen eine Art von Halt gewonnen, die eigne Todesangst liess für einen Augenblick nach, sein einziger Gedanke war jetzt Irene. Sie musste gerettet werden. Und mitten in seiner entsetzlichen Lage zwang er sich zu einem Lachen.

-         Es ist ja nicht so schlimm, stiess er hervor, nur du, du selbst machst alles noch viel schlimmer! Ich kann da nie hinauf, solange du so dicht stehst, das Eis bricht ab, ich fühle es, ich kann nicht an dich und mich zugleich denken, ich habe mehr Sicherheit und Kraft, wenn du an Land bist.“

A  Fast scheint es, als habe Huch seinen ganzen Musikerroman wegen der zwei Episoden auf dem Eis geschrieben, wobei die erste eine ‚Vorübung’ der zweiten ist. Autobiographisches schwingt da stark mit, seine eigene Lebensmüdigkeit angesichts einer Zeit, in der er sich nicht wiederfindet; zudem überschattet der Selbstmord des Vaters das Leben des Frühvollendeten. So legt er alle Inbrunst in die Todesgefühle seines Helden, die  atmosphärisch – vom „Tristan“ abgesehen - zwischen dem Lindenbaum und dem Leiermann der Schubertschen „Winterreise“ angesiedelt sind – und in die Winterstarre hinein das Sonnenaufgangsgefühl des sterbenden Siegfried für Brünnhilde. Für Friedrich Huch die authentischsten Gefühle einer deutschen Musikerseele.

 

Z  „ Aber es kam niemand. Eine lange Zeit verging. Merkwürdig, dachte er, mir ist, als würde mein Körper von unten herauf allmählich warm, wie ist das möglich? – Er empfand keine Schmerzen, nur die Finger waren, als zögen sich enge Drähte immer schneidender um sie.     Die Mühle, dachte Enzio. Ob sie wohl auch ganz stille steht? Weshalb läuft Irene unter der Mühle durch? Wir sind doch nie an einer Mühle vorbeigekommen, wir sind andere Wege gegangen, draussen, auf den Feldern, wo ist die Mühle denn, ich sehe sie nicht... Seine Augen starrten glasig in die Weite, er erkannte halb wieder, wo er war. Noch einmal versuchte er, eine Bewegung zu machen, dann blieb sein Körper stumm. Er fühlte, wie auch die Finger ihre Kraft verloren. Warum kam Irene nicht zurück? Hatte sie ihn ganz vergessen ? War sie zu Haus und modellierte? Du kannst ja gar nicht modellieren, flüsterte er - - aber der Ring mit dem roten Stein - - wo ist der Ring mit dem roten Stein? – Hier ist er! sagte Bienle. – Wo? Ich sehe ihn nicht. – Hier ist er! sagte Bienle lauter – das klang ja gar nicht wie ihre Stimme - - Hier! Hier! rief es von neuem, rauh und tief – und statt ihrer sah er undeutlich drei Männer, und einen Wagen. Sie eilten herab zum Fluss, eine Schlange flog durch die Luft und traf ihn hart an der Stirn. - - Packen Sie zu! Wir ziehn Sie aufs Land!  Zum Donnerwetter, hören Sie denn nicht! Zupacken sollen Sie!! - - Enzio, Enzio! rief eine ferne Stimme.“ (Musik aus und 12. Musik ein)

 

„ Enzio hob die Arme nach dem Ding da vorn, er begriff halb, was er sollte, er wollte es umklammern - - Eiseskälte stieg an seinem Kopf empor, und dann schwebte er in einem rosenroten Meer und alle Glocken läuteten. Es war die Schulglocke. – Ein schöner Blumenstrauss! Hast du den wirklich für mich bestimmt? fragte sein Lehrer. – Rosen, Rosen, murmelte Enzio und kletterte über die Hecke zu Irenens Garten. Niemals schlägt die Nachtigall bei Sonnenaufgang, Bienle, sieh, sieh, wie alles rot wird von der Sonne! Wie sie flutet! Jetzt, jetzt geht die Sonne auf.“