MUHRENLENIS AUFSTIEG VOM ALPENJODLER ZUM HOJOTOHO

            Karl Mays König-Ludwig-Roman „ Der  Weg zum Glück“

 

Z  „ Als ich d’rauf am Morgen schied,/ hört ich ferne noch ihr Lied,

       und zugleich mit Schmerz und Lust/ trug ich’s fort in meiner Brust.

       Und seitdem, wo ich auch bin,/schwebt mir vor die Sennerin,

       Und sie ruft: ‚Kehr um geschwind!’/Auf der Alm, ja /Auf der Alm, ja

        Auf der Alm, da giebt’s ka Sünd!’ (möglichst gesungen)

 

So klang es hell und klar und getragen von der Höhe in das Thal hinab, gesungen von zwei Menschenkindern, welche, obgleich verschieden nach Alter und Geschlecht, diesen dritten Vers des beliebten Liedes aus voller Brust ertönen liessen. Ihre Gesichter glänzten förmlich vor Vergnügen, und aus ihren blitzenden Augen leuchtete die herzliche Freude über das Echo, welches ihr Jodler an den gegenüberliegenden Felswänden wachrief.   Die Sonne eines schönen Herbsttages neigte sich den im Westen glänzenden Gletschern und Firnen entgegen. Ihr Licht brillierte im Wasser des Giesbaches, welcher schlank und in weiten Sätzen von der östlichen Höhe sprang. Sonntägliche Ruhe lag unten im Thale, und sonntäglich war auch die Sennerin gekleidet, welche neben der Thür am Holzstosse lehnte und dem Zither spielenden Alten fröhlich zunickte.

Sie mochte kaum 18 Jahre zählen, war aber körperlich und vielleicht auch geistig bereits weit über dieses Alter hinaus entwickelt. Das dunkelgrüne Sammetmieder war tief ausgeschnitten, so dass über den drei silbernen Spangen, welche es zusammenhielten, die ganze Fülle des Busens zu sehen war, welcher, wenn sie während des Gesanges tief Athem holte, die feinen Fälteleien des weissen Hemdes zu sprengen drohte. Die runden üppigen Schultern trugen einen kräftigen Hals, um welchen sich eine feine Schaumperlenkette legte, an der ein glasgoldenes Kreuzchen hing. Das Gesicht war gebräunt, energisch ausgeprägt und doch von einem weichen Ton überhaucht. Das Mädchen war arm, aber von der Natur mit dem grössten Reichthum: Schönheit und Gesundheit begabt; dieser Vorzug erhielt einen ganz besonderen Werth durch die ausgesprochene Sauberkeit, welche aus jedem Fältchen glänzte. Man sah es deutlich – das Mädchen hielt etwas auf sich.

Auch die Hütte und die ganze Umgebung derselben war ein Bild der grössten Ordnung und Reinlichkeit. Neben der Thür erhob sich eine Rasenbank, auf welche der Alte sass, die Zither neben sich an die Mauer gelehnt. Er war ganz gewiss bereits 70 Jahre alt. Sein graues, buschiges Haar und der mächtige weisse Schnurrwichs unter der scharf gebogenen Nase stachen recht eigenartig von dem hageren, tief gebräunten Gesichte ab. Alter und Beschwerden hatten dasselbe tief gefurcht; aber aus diesen Falten lugten 1000 Schalke und Schälkchen hervor.

Neben der Bank lag ein alter Rucksack, welcher mit knolligen Gegenständen gefüllt zu sein schien. Sein Hut hatte seit zwei Ewigkeiten die Krempe verloren; durch seine vielen Löcher hatte der praktische Altem allerlei Alpenkräuter geschlungen, Aretia, Primula, Soldanella, Saxifraga und andere, so dass der Hut einem Blumentopfe glich, welcher dem Studium der Alpenflora als Anschauungsmittel dienen sollte.

Dieser Alte hiess eigentlich Joseph Brendel. Weil er aber allerlei Wurzelwerk in den Bergen sammelte, und die Abkürzung von Joseph Sepp lautet, so wurde er allüberall nur Wurzelsepp genannt.

Und die schöne Sennerin?  Diese hiess eigentlich Magdalena Berghuber. Das Gut ihres Herrn lag an einer Muhre; aus diesem Grunde wurde sie allgemein nur die Muhrenleni genannt.“

 

A  Der in Heimatromanen geübte Leser oder Hörer mag in dieser erhabenen Einleitung einen Antzengruber, Ganghofer oder eine vergröberte Ausgabe von Johanna Spyri vermuten. In den eben geschilderten Berggestalten hat er zwar zwei kuriose Varianten von Heidi und dem Alm-Öhi vor sich, doch hat der Autor mit seiner Muhrenleni andere Dinge vor, als sie zu Fräulein Rottenmeier nach Frankfurt zu schicken. Nach dem Abschied der beiden mit dem perfekten Jodel-Diplom ausgestatteten Älpler tritt nämlich zugleich die dritte Figur auf den Plan, um deretwillen der Roman geschrieben wurde. Da unser Dichter die literarische Technik des Leitmotivs beherrscht, führt er ihn versmässig ein :

 

Z  „ Der Sepp stieg langsam bergab, tiefer, immer tiefer. Als er den Abhang erreichte, da, wo der steile Pfad um die Felsenecke bog, blieb er stehen, hielt die Hand an  den Mund und sang mit heller Stimme: ‚ Holderoijooooh!’

‚ Holderoijooooh!’  antwortete es von oben herab.  Und nun begann er, Worte und Melodie gleich aus dem Stegreife bildend:

‚ Und die Leni ist eine Brave,/ Und die Leni ist eine Feine,

  Und wie die Leni, wie die Leni/ Ist gar nirgends noch Eine! Juch, juch, juch!

  Und da drüben und da droben,/ Wo der Ziegenbock springt

  Und da steht halt die Leni/ die den Wurzelsepp ansingt.  Juch, juch juch!’

Der Juchzer erschallte als Echo von dem Felsen zurück, und dann ertönte die Stimme der Sennerin:

‚ Und der Sepp mit dem Rucksack/ und der Sepp ist mein Path,

  Und der Sepp ist mir lieber/ Als ein Offizier und Soldat. Juch, juch, juch!’

  Der König hat eine Krone,/ und der Sepp hat einen Hut

  Und der König wird mein Mann nicht,/ Doch dem Sepp, dem bin ich gut,

   Juch, juch, juch!’

 In den Alpen sind nämlich solche Gestanzeln gang und gäbe. Der Eine beginnt und der Andere antwortet. Es geht herüber und hinüber, und ein Jeder ist der Dichter der Reime, welche er singt.  Die Muhrenleni war berühmt als die beste Jodlerin weit und breit. Ihre Stimme hatte einen ‚ungeheuren Umfang und ausserordentliches Metall’, wie der Cantor unten im Dorfe oft gesagt hatte. Wenn ein Kenner diese Stimme gehört hätte, er hätte die arme Sennerin ganz sicher aus der Hütte und von der Alm hinweggenommen, um eine gefeierte Künstlerin aus ihr zu bilden.“

 

A  Eben ein solcher Kenner ist unterwegs. Seine Ankunft auf der sündfreien Alm ist ebenso erstaunlich wie die Lokal-Kenntnisse des sonst im Wilden Westen behausten Autors, der uns in ähnlicher Ausführlichkeit den Auftritt Kara Ben Nemsis oder Hadschi Halef Omars theatralisch vor Augen führt:

 

Z  „ Der Sepp blickte umher und erschrak tief. Während des Wechselgesanges war ein Mann hinter der Felsenecke hervorgetreten und hatte mit Erstaunen zugehört. Er trug die Tracht des Gebirges, Bergschuhe, Halbstrümpfe, Joppe, Weste, breiten Gürtel, einen kleinen Hut mit Edelweiss und Spielhahnfeder, einen Rucksack auf dem Rücken und ein Gewehr von der Achsel herab. In der mit kostbaren Ringen geschmückten Hand hielt er den Bergstock, welcher oben mit einer Gemskrikel versehen war. Auch die schwere goldene Uhrkette liess vermuten, dass  dieser Herr sich in besseren Umständen befinde als der Wurzelsepp.

Er war von sehr hoher, kräftiger, imposanter Figur. Sein Gesicht hatte einen edlen, vornehmen, durchgeistigten Ausdruck. Die Züge waren bedeutend. Das Auge zeigte bei aller Schärfe etwas Weiches, Unbestimmbares, fast möchte man sagen, Mystisches. Der Eindruck der ganzen Persönlichkeit und des von einem wohlgepflegten Barte gezierten Gesichtes war ein Ehrerbietung erweckender.  Als Sepp ihn erblickte, reckte er sich staunend empor und rief:

‚Millionenschockteuf- - - ah, oh! Da hätt ich fast beinahe geflucht! Ist’d denn möglich?’         ‚Was?’ fragte der Fremde.     ‚Dass du, nein Sie der Ludwig bist!’

‚Welchen Ludwig meinst du denn?’        ‚Na, den Zweiten!’ Warten Sie, ich werde es wohl richtig fertig bringen!’

Er schlug die Fersen militärisch zusammen, richtete sich stramm empor, präsentierte den Bergstock wie ein Gewehr und meldete:

  Sie sind Königliche Majestät Ludwig der Zweite von Bayern, mein allergnädigster Gebieter und Herr!  Ich aber bin halt nur der Wurzelsepp.’“

 

A  Mit dem Inkognito des Bayernkönigs dürfte sich auch das des Autors lüften:

Karl May wandelt dieses Mal nicht auf exotischen, sondern heimischen Pfaden, hat die Schluchten des Balkans mit  dem Wendelstein vertauscht und sucht das Abenteuer nicht im Silbersee, sondern Silberwald. „Der Weg zum Glück“ lautet sein Fortsetzungsroman; wahrlich ein langer Weg, der den einstigen Leser des Zeitungsromans über 3000 Seiten in Atem hält und durch Dickicht und Gestrüpp, über steile Felsen und Gratwanderungen endlich zum Happy-End-Gipfel führt. Aber das Erstaunliche liegt nicht nur in dem Umstand, dass Karl May seine Wild-Westgamaschen mit bayerischen Lederhosen vertauscht hat, sondern dass er hier auf weite Strecken einen Musikroman, sowie ein verkapptes König-Ludwig-Epos liefert. Ausgerechnet im Todesjahr Ludwigs 1886 rundet Mays „Weg zum Glück“ eine schriftstellerische Laufbahn ab, die mit dem „Waldröschen“ so idyllisch begonnen hatte: es ist der Weg des Kolportageromans, der mit wohlfeilen Dialogen, derben Volkscharakteren und Klischees aller Art ein Massenleserpublikum ansprechen will. Und was wäre geeigneter als die sagenumwobene, mit der Gloriole der Romantik umwundene Gestalt Ludwigs, dieses wahren und letzten ‚Volkskini’.  Noch dazu, wo der König es wirklich liebte, in Jägertracht unter seinen Landsleuten zu weilen: Ludwig Thoma berichtet von den Jagdausflügen Ludwigs mit seinem Vater in der Vorderriss , bestätigt Ludwigs Leutseligkeit, durchkreuzt allerdings Mays Bild vom gewehrbewaffneten König:

 

Z  „ Seine Freude an der Natur galt bei allen Leuten in den Bergen als besonderer Beweis seines edlen Charakters, und niemandem fiel es ein, an krankhafte Erscheinungen zu glauben. Der König schloss sich auch keineswegs auffallend vor jeder Begegnung mit Menschen ab, wenn er schon gegen manches empfindlich war. Bei seinen kurzen Spaziergängen hatte er nichts dagegen, Leuten zu begegnen, die in den Wald gehörten, und zuweilen redete er einen Jäger an.  Jedenfalls hat er alle bei Namen gekannt und sich zuweilen nach ihnen erkundigt. Aus Erzählungen weiss ich, dass während seiner Anwesenheit kein Schuss fallen durfte; er wollte sich Tod und Vernichtung nicht in diesen Frieden hineindenken.“

 

A   Ludwigs Inkognito auf dem Lande musste Stoff liefern für den Kolportageroman. Erst recht jedoch das tragische, offiziell nie aufgeklärte Ende des lohengrinierenden Königs: hier ist ohne Zweifel Verlegerabsicht im Spiel, Karl May gleich 1886 auf das Ludwig-Thema anzusetzen. Keiner versteht besser als dieser Idealist des Trivialen, um diesen Tod herum einen Kranz von Immortellen zu winden und die Unsterblichkeit unmittelbar aus der Todesgefahr heraus zu entwickeln. Als müsse dieser Tod, der kein Selbstmord gewesen sein kann, ausgelöscht werden aus dem Volksbewusstsein, inszeniert May im Laufe seines Riesenromans zahllose Rettungsaktionen des ständig von Natur und Menschen bedrohten Monarchen. Hinter jede Felsenecke, auf jedem Fluss, in jedem Gasthaus lauern die Gefahren; so tritt unserem Regenten, kam dass er den Wurzelsepp und die Muhrenleni kennengelernt hat, gleich ein ungeheurer Bär entgegen:

Z  „ eine „grosse Rarität und Seltenheit, der sich von drüben herüber verlaufen hat“

A wie uns die kundige Leni versichert. In der Tat: direkt aus dem 1. „Winnetou“-Band hat sich dieser Bär ins Bayrische verlaufen; ist es dort Old Shatterhand, der sich seine ersten Sporen als Grizzli-Killer verdient, so figuriert hier als erster Ludwig-Retter der Krikelanton, der mit kaltem Wildererblut den König von der Bestie befreit:

 

Z  „ Ludwig hörte draussen schleichende Schritte. Sollte es ein Dieb sein oder hat die Sennerin einen Geliebten?  Er horchte, konnte jedoch nichts hören. Er bog um die Ecke der Hütte und - - rannte mit einem Wesen zusammen, welches in demselben Augenblicke von jenseits um die Ecke biegen wollte. Die Büchse entfiel ihm; er hatte keine Zeit, das Gewehr aufzuheben, denn das betreffende Wesen war ein Thier, ein - - Bär.      Der König sprang blitzschnell zur Seite. Mit eben solcher Schnelligkeit aber folgte ihm das Thier. Der König riss ein Scheit Brennholz an sich, holte aus und schmetterte es dem Bären auf den Kopf – ganz erfolglos. Es war, als habe er mit einem kleinen Hammer auf einen Ambos geschlagen. Ein brüllendes Brummen war die Antwort des Bären. Er öffnete den Rachen – da blitzte es hart hinter dem Könige auf. Ein Schuss krachte, und zu gleicher Zeit wurde er von einem mächtigen Rucke zur Seite gerissen, so dass er auf ein Knie niederstürzte.    Als er sich wieder erhob, erblickte er einen Menschen, welcher dem zu Boden kollernden Bären die Klinge in das Herz stiess und dann gedankenrasch wieder zurücksprang. Ein Zucken, ein Röcheln – das Thier war tot.“

 

A   Unglaublich, mit welchen Ereignissen und Abenteuern der „Weg zum Glück“ gepflastert ist; der einstige Karl-May-Experte Otto Forst-Battaglia erklärt dessen explosive Anfangsdramaturgie, die sich stets am Ende zum Sieg des Guten aufklärt:

 

Z  „ Ein Karl-May-Buch, ob kurz oder lang, beginnt damit, dass ein überdimensionaler Schuft an einem durchaus sympathischen Mitmenschen ein himmelschreiendes Verbrechen verübt. Doch immer wieder siegt die Gerechtigkeit: Hans bekommt seine Grete, die rechten Erben bekommen den nicht bloss metaphorischen Schatz, die unschuldig verfolgten Aristokraten werden in ihren vorigen hohen Stand wieder eingesetzt, und jede Schuld rächt sich auf Erden.“

 

A  Grundsätzlich folgt auch der „Weg zum Glück“ diesem bewährten Schema. In Betracht seiner Länge offeriert Mays Wadelstrumpfroman gleich ein halbes Dutzend edler Menschen, die von mindestens vier oder fünf Schurken um besagtes Glück gebracht werden sollen. Aristokratie und Schatzsuche fehlen auch südlich von Regensburg nicht; nur sei schon vorweg verraten, dass es hier eine Abweichung von der Trivial-Norm gibt, die sich vermutlich der ‚Subtilität’ des Künstlerromans verdankt:  Hans bekommt eben n i c h t seine Grete, in diesem Fall: der Bärentöter Krikelanton nicht seine Muhrenleni.

Überhaupt die Figuren seines Romans: folgen sie wirklich dem Schreibethos ihres Verfassers?  Am Fenster des Mayschen Arbeitszimmer klebte ein Aufruf zur Einfachheit:

 

Z  „ Die Gestalten klar, rein, hell und gross! Vermeide harte, grelle schmerzhafte Lichter! Klassische Formen in erhabener, abgeklärter Ruhe! Flimmere nicht! Sei nicht theatralisch! Schlichte Wahrheit! Hüte dich zu schulmeistern!“

 

A  Zum Glück sind Absicht und Wirklichkeit bei Karl May himmelweit voneinander entfernt. Die Fabulierlust und Phantasie des bezeichnenderweise im Sternzeichen der Fische Geborenen ist so hemmungslos, dass grelle Lichter und Theatralik  geradezu die Antriebsräder seiner schäumenden Kolportage darstellen. Aber auch aufs Schulmeistern versteht er sich glänzend. Was die Gestalten betrifft, so steht die Intention stiller Einfalt und schlichter Grösse in komischem Kontrast zur Wirklichkeit: die Könige, verkappten Grafen und Barone bersten ebenso wie die Volksfiguren Leni, Anton, Sepp, Fex  und Paula vor barocken Attributen. Hinsichtlich der Verbrecherpsychologie erweist sich der Gefängnisinsasse Karl May als Kenner der Kriminalität. Die Verhöre und Begegnungen seiner Figuren mit den Ordnungshütern verraten ebenso grossen Einblick wie Abscheu vor den Letzteren. Ist er bei der Entwerfung von Grauen und Grusel ein Verwandter und Vorreiter des Viktorianers Edgar Wallace, so etabliert er sich bei seinen ausführlichen Prügelszenen als geistiger Vetter von Wilhelm Busch. Der „Weg zum Glück“ beweist, mit welchem Genuss einst in Deutschland geprügelt wurde; beweist auch, mit welch sadistischem Vergnügen der selber im Leben so grausam Misshandelte May sich beim Schreiben abreagierte! So kostet er mit den Guten einen Sieg aus, den er im Leben nie errungen, und lässt die Bösen die immer wieder selbst erlebte Niederlage spüren. Als Kostprobe hier das Gerangel zwischen dem edlen Wasserfex und dem rohen Fingerl-Franz um die geliebte Eichkatzerl-Paula im Wald. Wie immer in diesem Roman ist bei jedem unkeuschen Annäherungsversuch oder anderem Schurkenstreich stets ein Guter im Gebüsch versteckt, der die verruchte Tat im letzten Moment abwendet, - hier ist neben dem Retter gleich das halbe Roman-Personal versammelt. Seinem Trivialmilieu bleibt Karl May auch darin treu, dass er die Guten intelligent, die Bösen blindwütig-dumm agieren lässt:

 

Z  „Franz bog sich zum zweiten Male über Paula. Da aber that es einen Krach, als ob man mit einem Axthelm auf Holz geschlagen habe, und der Fingerl Franz stürzte wie ein Stock zu Boden.  Der Fex hatte ihn mit einem einzigen Faustschlag auf den Kopf niedergeschmettert.   Franz war aufgesprungen. Er war nicht etwa besinnungslos geworden, o nein, dazu war sein Schädel viel zu dick.

‚ Hund’, brüllte er ‚ das wagst!’

‚Das hast verdient,’ antwortete der Fex in aller Ruhe.

‚So bekommst sofort den Zahlaus dafür!’

Er holte zu einem fürchterlichen Hiebe aus, doch daneben; dafür empfing er selbst einen Fausthieb von unten herauf an Mund und Nase, dass er um mehrere Schritte zurückgeschleudert wurde. Das Blut drang ihm sofort aus beiden getroffenen Theilen. Da, seiner nicht mehr mächtig, griff er in die Tasche.

‚ Jetzt, jetzt, ists aus mit Dir!’ brüllte er.

Er hatte einen mit Stacheln versehenen, eisernen Schlagring hervorgezogen, welchen er als gefürchteter Raufer immer bei sich trug. Diesen Ring an die Hand gesteckt und dann mit der geballten Faust einen Hieb auf den Kopf, musste die stärkste Hirnschale zerschmettern.   Der Fex hatte einen Sprung zum nächsten Baume gethan, an dessen Stamm er sich lehnte, um den Feind leuchtenden Auges zu empfangen. Dieser sprang ihm nach, holte aus und führte einen Hieb nach seinem Kopfe, welcher einen Ochsen niedergeworfen hätte – stiess aber in demselben Augenblick einen fürchterlichen Schrei aus und liess den Arm sinken. Der Fex war im richtigen Moment, sich niederbückend,  zur Seite gewichen , und der Hieb hatte den Baum getroffen.

Franz hielt vor Fex, als ob ihn der Schlag gerührt hätte. Dann stiess er einen unartikulierten Schrei aus und wandte sich wieder gegen den Feind. Aber er fuhr mit der linken Hand nach dem rechten Arme und liess einen grässlichen Fluch hören; er konnte den Arm nicht erheben.“

 

A  Als Hauptcharakterisierungsmittel für seine ‚aus dem Leben geschöpften’ Landeskinder dient Karl May der Dialekt. Steht er nun schon in seinen Winnetou-Romanen mit den einfachsten Dingen des angelsächsischen Kulturkreises auf Kriegsfuss, so ist dem Sachsen May das Oberbayerische, dass er seinen Sennerinnen, Wurzelsammlern, Wilddieben und Bösewichten in den Mund legt, erst recht ein böhmisches Dorf. Gegenüber der raffinierten Primitivität des Filser-Deutsches eines Ludwig Thoma etwa  nimmt sich dieses unbehaune Bayerisieren höchst kauzig und kurios aus. Herbert Schneider merkt in seinem Buch „Karl May in der Lederhose“ dazu an:

 

Z  „ Woher er diese urkomische Sprache hat, bleibt ein Geheimnis. Wahrscheinlich hat er einige Brocken in Österreich aufgeschnappt und den Rest nach eigenem Gutdünken behandelt. Seine Methode ist genauso simpel wie rigoros. Er lässt die Vorsilbe ‚ge’ weg – ‚ich hab’ nicht wusst’ – hängt an die Hauptwörter nach Belieben ein ‚n’, fügt an Wörter wie hinauf, hinab oder herauf ein ‚i’ an, und aus ‚nachher’ ganz unerwartet ‚nachhero’. Zum Schreien komisch wird es, wenn plötzlich ‚Butterbemmen’ und ‚Fischtranflaschen’ in Dialektsätzen auftauchen.“

 

A  Zur besseren Kenntnis des Mayschen Bayerisch hier eine Dialekt-Blütenserenade nebst einigen Flüchen aus dem Munde von Wurzelsepp und Krikelanton:

 

Z  „ Ich hab mal ein ganzes Jahr meinen eigenen Namen nicht mehr wusst, weil mein Gedächtnissen über eine Fliegen verschrocken ist, die mich bissen hat. Bis ich nachhero in den Spiegel schaut hab. Nachhero hab ich’s wieder wusst, wer ich bin.“

 

 „ Ich hab eine alte Muhm. Der ihr Vettern mütterlicherseits hat mal bei einer Familie Gevattern gestanden, wovon dero jüngste Sohn nachhero geheiratet hat. Dem seine Tochter hat einen Bauern zum Mann genommen, dem seine Bas’ einen Liebsten hat, dessen Bruderssohn ein beinahe Studirter ist. Er ist auch nicht ganz fertig, aber er kennt die Sprachen, in der man mit den Geistern reden thut.“

 

„ Was bin ich? Wie nennst Sie mich? Ein zweifelhaftes Subjekt? Kerl, wenn du noch so ein Wort sagst, so pfeife ich dir ein Ohrfeigen hinein, dass Sie denken sollst, der Hund hat eine Katz gehekt! Himmelsakra! Hinauswerfen willst Sie mich?  Soll ich dir eine Watschen geben, dass du denkst,  dein Gesicht ist eine Getraidestoppel? Oder eine Watschen hineinihauen, dasst ein Purzelbaumerl von hier bis ins Österreicherl hineinifliegst. Ein Ohrschwapperl, dass di rumminummidreht! Sie wärst mir derjenige Kerl, der mich hinauswerfen könnt, du armes Schunkerl, du! Dich zerdruck ich da zwischen meinen Pratzen, dass der Syrup hinunterläuft.  Husch dich hinaus! Das ist das Allerbest’ für dich!“

 

A  Natürlich werden künstlerische und philosophische Ausdrücke von Wurzelsepp und Krikelanton besonders misshandelt: Komponist heisst ‚Kompernist’, Konservatorium ‚Konserbraterori’, harmonieren ‚harmonerieren, aus ‚Violine’ wird ‚Vigoline’ und das Hegelsche Gegensatzpaar Quantität – Qualität kurzerhand in ‚ Quandrität und Quallrität’ verwandelt.

Und hiermit kehren wir zurück zum Thema und Anliegen des Monsterromans. Denn der ‚Weg zum Glück’ führt weder zum Reichtum, noch ausschliesslich zur Liebe, sondern zur Kunst. Der romantische Begriff der Kunstreligion des Landsmannes Richard Wagner spukt auch in Karl Mays Kopf. Seine Romane wimmeln von verrückten Musikern, von Helden, die sich nebenbei als grosse Instrumentalisten entpuppen, von Sängern, vertrottelten Professoren und verkannten Genies. Nach eigenen Worten stellte May die ‚Musik hoch über die Dichtkunst’, da sie ihm grössere Freiheit der Gefühle gewährte. Zudem schreibt er seine Romane nieder, ‚wie er sie in sich klingen hörte’; folgt also ganz dem deutsch-romantischen Klangphänomen. Am Klavier spielte er Ernstes und bevorzugte das Moll; sein Improvisationstrieb war so gross, dass er – laut Aussage von Freund Finke - nach einigen Takten Schubert oder Brahms ‚der Erfindungsgabe gestattete, eigene Wege zu gehen’. Notenschreibend betätigte er sich  - kuriose Parallele zu seinem literarischen Maskulinismus - vor allem als Komponist von Männerchören. Aber von seinem romantischen Herz und seiner Einfühlung ins Ewigweibliche zeugt ein eindrucksvolles, mit gekonnter Schlichtheit gesetztes „Ave Maria“. Unentgeltlichen Instrumentalunterricht sowie erste Einblicke in die Hamonielehre verdankte der Knabe Karl seinem Förderer, dem Kantor Samuel Friedrich Strauch. Als Lehrer konnte er seine Kenntnisse vertiefen; denn zur Lehrerdisziplin gehörte ja gerade im Osten eine sorgfältige Musikerausbildung. In seiner Waldheimer Haft lernt er dann die katholische Kirchenmusik kennen; an diese Erfahrung knüpft sich wohl der schwärmerische Grundton seiner Musikbeschreibungen. Doch sein Universalismus, der von martialischer Waffen- bis zur friedvollen Notenkenntnis reichte, wurde ihm wenig gedankt, die Vielfalt seiner Stoffe als Bertrug, Verwirrtheit und sogar Unzucht ausgelegt. Der in so mancher Hinsicht ausgefallene „Weg zum Glück“ verbindet das literarische Genre des Kolportageromans mit dem weit anspruchsvolleren des Künstlerromans; die Konflikte und Verrenkungen infolge dieser Stil- und Genremischung begründen das Kuriosum dieses Werkes.

 

A   Zurück also zum Anfang, wo der nach Belcanto-Edelweiss suchende, bergsteigende König auf die Alpenblume Leni trifft. In Reaktion auf ihr Aussehen und ihren Gesang enthüllt Ludwig zum ersten Mal seine mäzenatischen Absichten:

 

Z  „ Grosse Stimme, schöne Gestalt, gewandte Bewegungen, Umsicht und Gewissenhaftigkeit! Sie soll mir in die Schule. Das gibt eine Sängerin, einen Stern am Kunsthimmel. Ich glaube, ich hab da eine Brunhild, eine Walküre, eine Isolde gefunden.“

 

A  Aus der Sennerin die Sängerin , - aus dem Holldrio das Hojotoho, aus Muhrenleni  Woglinde oder Brünnhilde –diese heimliche Identität scheinbar so entfernter Sphären muss ein wahrer Volkskönig entdecken. Ludwig ist von der Idee beseelt, die Interpretin nordischer Heroinen auf den ‚wonnigen Höhen’ südlicher Alpen zu finden, die Kunst des Hochdramatischen unverfälschter Natur, dem Bergkristall abzulauschen, das Stimmaterial für Bayreuth dem Bayrischen Wald zu entreissen. Doch die königlichen Pläne wecken die Eifersucht des künftigen Verlobten Lenis, des Krikelanton, der Ludwig vor dem Bären rettete. ( Kurz darauf begeht dieser Pfundskerl eine weitere Heldentat, indem er die Gattin eines Musikprofessors unter atemberaubenden Umständen von einer wahrhaft furchtbaren Felswand herunterholt.) Dieser moralisch so penible Naturbursche stellt sich aber die künftige Wagnerheroine Leni ärmellos und dekolletiert vor und protestiert gegen mythische Entblätterungen. Auch Wurzelsepps kundige Beschreibungen der Wagneropern können ihn nicht beschwichtigen. Das Wagnerurteil aus dem Volksmund nimmt es an Komik mit so mancher späteren bewussten Wagner-Parodie auf:

 

Z  „ Der Krikelanton war ganz Feuer und Flamme. Das musste er erfahren: grad der Umstand, dass eine Sängerin entblösst erscheinen muss, wenn die Rolle es mit sich bringt, war ja der Grund gewesen, dass er so zornig gewesen war.

‚ Nun’, antwortete der Sepp, ‚ ich habs einmal gesehen, als ich am letzten Male bei ihr war. Weißt, es ist da ein Compernist, der heisst Wagner und Richardt auch. Auf den hält der König grosse Stucken. Er soll ein vielgescheidter Kerl sein und ein Musiken compernirn, wie noch niemals ein Anderer eine compernirt hat. Der verintressiert sich sehr für die Leni und kommt oft, um zu hören, was sie indess wieder gelernt hat. Und am letzten Mal war ich in der andern Stub und konnt durch die Glasthüren hineinblicken.  Da musst die Leni eine Saloppen umthun und dann band er sie mit dem Leib an den Thürknauf, dass sie nicht fallen konnt. Nachher musst sie den Oberkörper weit vorwerfen und mit den Armen so hinausschlagen und battalgen, als ob sie schwimmen wollt.’

‚Das ist doch verruckt!’    

‚ Nein. Es giebt ein Theaterstucken, worinnen das vorkommt.’   

‚Wie heisst das?’     

‚Rheingold heissts. Und nachher, als sie so in der Stuben schwamm, aber freilich ohne Wasser, da setzt er sich ans Clavier und begann zu spielen. Nachher rief er laut:

‚Jeztunder, Woglinde, jetzt!’ Und nun sang sie zum Schwimmen.’

‚Leni’ hat er doch gesagt!’

‚ Nein. In diesem Stucken heisst sie alleweil Woglinde, und da hat sie gesungen:

 

‚Himmelsakra! Das ist doch eine Dummheiten, wies gar keine zweite nimmer giebt.

Das kann doch nur ein ganz verruckter Kerl singen. Das sind doch gar keine richtigen Versen!’

‚ Na, behüt dich Gott, Anton! Bist du und dumm! Wann Eine schwimmt, soll sie auch noch richtige Versen singen! Spring doch mal ins Wasser und sing ein Gestangel mit einem Jodler, wenn dir dabei das Wasser ins Maul läuft und zur Nasen wieder heraus! Da verstehst du halt gar nix von! Der Wagners Richard ist ganz toll gewesen vor Freuden, dass sies so schön gemacht hat. Und gelobt hat er sie. Und nachher musst sie die Saloppen wieder anders umthun und ein Schnupftücherl in die Hand nehmen und damit wedeln und etwas dazu singen. Das klang so mächtig und prächtig, dass die Fenstertafeln klirrt haben. Und als sie nachher fertig war, hat er sie auf die Wange klopft’ - - -   

‚Donnerwetter!’

‚Halts Maul! - - - und zu ihr sagt: das war gut, so ists recht! Das ist die richtige Isolden!’

‚Isolden, was ist das?’

‚Isolde heisst Eine, die auch im Theater abgesungen wird. Ihr Liebster heisst entweder Tristan oder Christian; ich habs nicht ordentlich verstanden. Uebrigens musst mich richtig verstehen. Wann ein Compernist sich in eine Sängerin hinein verschiesst, so ist das nicht etwan eine Liebelei, sondern es ist nur – nur – nur ein Kunstgenuss. Er ist nicht in das Maderln verliebt, sondern in die Noten, die sie trillert.’

‚So mag er doch auf das Notenpapier klopfen und nicht auf ihre Wangen, der Haxerl, der!’“

 

A  Es versteht sich, dass der Theatraliker May trotz seiner Männerchöre ein Parteigänger Wagners und der Neudeutschen ist. So treten denn auch Wagner und Liszt bald auf den Plan: Wagner wird, seiner dramatischen Holländer- Natur entsprechend, gleich mit einer Beinah-Katastrophe auf dem Wasser eingeführt, und auch Ludwig schwebt ja infolge von Leichtsinn und königlicher Weltfremdheit ständig in Lebensgefahr. Der oben erwähnte Wasserfex betätigt sich als Fährmann auf einem reissenden Fluss und muss Monarch und Komponist übersetzen. Er warnt die Beiden vor dem Flössholz, doch die haben Eile. „ Rudere du kräftig, Fährmann, dann steure ich“, befiehlt Ludwig.

Der König setzt sich ans Steuer, der Fex legt sich kräftig in die Riemen. Als sie in der Flussmitte angelangt sind, wälzt sich ihnen das Flössholz wie eine dunkle Masse drohend entgegen.  Nun bekommt Wagner Angst; trotz Fexens Protest greift er in die Riemen. Da er aber als Musiker vom Kahnfahren keine Ahnung hat, rudert er angestrengt in die verkehrte Richtung. Hier hat May offenbar Wagners Mut und Seekenntnis unterschätzt, die ihn die stürmische Fahrt von Riga nach London überstehen liess. Fex gelingt es mit übermenschlicher Kraft, die Fähre doch noch ans Ufer zu bringen. Als erster springt er ans Land und ruft dem König zu:

 

Z  „ Jetzt schnell das Steuer grad, dass die Fähr’ langhin ans Ufer treiben wird!

Dabei befestigte er die Kette, damit das Fahrzeug nicht mit fortgerissen werde. Aber der König gab in halber Bestürzung dem Steuer eine falsche Richtung. Im nächsten Augenblick waren die riesigen Baumstämme da. Ein Stoss an den hinteren Teil der Fähre, dass man glauben konnte, alles sei zerschmettert, und – der König stiess einen Schrei aus und wurde in das Wasser geschleudert, mitten zwischen die rollenden Stämme hinein.“

 

A  Nun bliebe Ludwig nur noch die  „grässliche Wahl zwischen dem Tode des Erstickens oder dem des Zermalmtwerdens“, wäre da nicht der heldische Retter. Karl May unterstreicht ausdrücklich die Schwimmkünste des Königs, um gleichsam mahnend die Selbstmordtheorie bei Schloss Berg zu widerlegen. Doch mehr noch, eine echte Wunschphantasie Karl Mays: Ludwig soll als Musikmäzen von einem Musiker errettet werden. Fex birgt den erschöpften Monarchen in einer unterirdischen Höhle und lüftet dadurch sein Geheimnis. Der von dem bösen Thalmüller aufgezogene, misshandelte und zu Fährmannsdiensten Abgerichtete ist ein brillanter Geigenvirtuose, der sich die Musik im Selbststudium angeeignet hat und zudem das Zeug zum Komponisten in sich trägt. Er ist das klassische Findelkind des Trivialromans, dessen ungarische Grafenidentität sich erst später enthüllt. Für Ludwig präsentiert sich somit nach Leni der zweite Schützling, den er unter die königlichen Fittiche nehmen kann.

Aus der Sennerin ist im Handumdrehen ein Opernstar geworden, die Muhrenleni nennt sich Signora Murreni. Ein ominöses Konzert unter dem Vorsitz des Königs ist in Vorbereitung, bei dem sie singen soll und bei dem sowohl Wagner als auch Liszt mitwirken. Aber auch ein italienischer Konzertmeister, dessen Namen Rialti sich offenbar von der venezianischen Brücke herleitet, ist mit von der Partie. Mit diesem Spaghetti-Paganini demonstriert Karl May zwerchfellerschütternde Italienischkenntnisse, enthüllt aber auch nationalistische Vorurteile gegen Südländer. Das Klischee, dass Italiener ohne Seele spielen, ist ihm ebenso vertraut wie ihr Schürzenjägertum:

 

Z  „ Rialtis Gestalt, sein Äusseres machten keineswegs einen sympathischen Eindruck. Wer das hervortretende, spitze Kinn, die dagegen sehr zurückweichende Stirn, die scharfgebogene Nase und den lippenlosen Mund sah, den überkam das Gefühl, dass dieser Mann ein Liebhaber jener Vergnügungen sei, über welche man gern den Schleier des Geheimnisses fallenlässt.

Er legte die Geige an; ein kräftiger Bogenstrich riss den gebrochenen G-Dur Akkord von der untersten Saite bis hinauf in das Flageolet-H und daran schloss sich nun das einfache, melodiöse Thema von Spohr, welches er in ausgezeichneter Weise virtuos variierte. Man musste gestehen, dass er ein Meister seines Instrumentes sei, aber Eines fehlte ihm – seinem Spiele fehlte die Seele, und darum war der Beifall, welchen er erntete, auch kein allgemeiner.“

 

So allmählich schimmert Karl Mays treuherziges Musikkonzept durch den Wust barocker Darstellung hindurch: die deutsche Innerlichkeit und die ‚Tümlichkeit’ in Potenzform sollen über jede Art von Effekt und Äusserlichkeit triumphieren, reine Natur über blosse Kunst, Volksgeist über Virtuosentum, Seele über Akrobatik, Tiefe über Fassadengeklingel, Treuherzigkeit eben über schnöde Falschheit. Sozusagen das Kleinbürgerformat neudeutscher Ideale mit Wagner und Liszt als Ohrenzeugen. Warum nun dieses mysteriös vorbereitete Konzert ausgerechnet in dem abgelegenen Kurort Scheibenbad bei dem verruchten Thalmüller stattfinden soll, bleibt das Geheimnis des Handlungsknüpfers Karl May. Der Thalmüller, dessen Verbrechen später aufgedeckt werden, ist ein gichtgeplagter Griesgram, der mit seiner Peitsche das Gesinde in Schach hält und es besonders auf den Fex abgesehen hat. Denn der Fex liebt die schöne Müllerstochter Paula, und die liebt ihn. Und der Fex weiss von einer Schatulle unter dem Sessel des Müllers, die das Geheimnis seiner Herkunft birgt. Der Wurzelsepp und er hecken einen Plan aus, um den Wüterich von seinem Sitz wegzulocken, indem sie dem Geldgierigen und Abergläubigen von einem Schatz vorfaseln, der mitternächtlich unter Vollziehung von Ritualen gehoben werden muss. Wie Karl May nun Müllerklamauk, Herkunftsrätsel und Konzertvorbereitung ineinanderspielen lässt, ist sein spezielles Verdienst; allein der schrullige Dialog zwischen Richard Wagner und dem unwirschen Thalmüller sucht an Komik ihresgleichen.

Die gute Leni hat ihre Sennerinnen-Schlichtheit keineswegs abgelegt, sondern bekennt sich stolz zu ihr. Den Italiener jagt sie durch ordinäres Jodeln ins Bockshorn, sodass der sie für eine „schauderhaft Ssängerin, orrido, orribile“ hält. Umso grösser dann seine, doch auch des Königs Überraschung über die vokalen Fortschritte des Alpenkindes. Als Probenvorgeschmack auf das grosse Konzert singt sie ein Lied von Wagner, begleitet vom Meister selber

Z  „ eine jener Augenblickscompositionen, auf welche Wagner keinen Werth zu legen pflegte, da er sie nur für gewisse Personen und Stimmen zu schreiben pflegte.“

A  Es handelt sich um die Vertonung der „Marterblume“ von Heinrich Heine. Im Wissen um Wagners Heinevertonung  der „beiden Grenadiere“ wagt sich May hier an die imaginäre Komposition des dunklen Heineschen ‚Sommernachtstraumes:

 

Z    Jetzt schloss Wagner das Vorspiel mit einer Fermate, und nun begann sie.

Ihre Lippen schienen vollständig geschlossen zu sein. Leise, ganz leise, wie aus weiter, unendlicher Ferne erklang ein Ton, der unmöglich aus ihrer Brust zu kommen schien. Er schwoll langsam an, mehr und immer mehr, bis er endlich in wahrer Orgelstärke durch das Zimmer klang und sich aus ihm die Motive und Sätze entwickelten, auf denen die Verse des sterbenden Dichters getragen wurden, wie die Leichen ertrunkener Schiffbrüchiger auf den trübdunklen Wogen des Oceanes auf und nieder schweben. Es war eine ganz eigenartige Musik zu dem ebenso eigenartigen, geheimnisvollen Text des Sterbenden in der Matratzengruft.

Leni’s Stimme schien gar nichts Einzelnes, Selbstständiges zu sein. Es war, als ob sie den ganzen Raum, das ganze Herz und die ganze Seele der Zuhörer erfülle. Sie drang nicht durch das Ohr, sondern sie schien aus dem Innern der Hörer heraus zu klingen und ihnen so die Thränen aus der Seele empor in die Augen zu treiben.

Da erklang endlich die letzte Strophe:

‚ Frag, was er strahle, den Karfunkelstein,/Frag, was sie duften,Nachtviol’ und Rosen,

Doch frage nie, wovon im Sternenschein/ Die Marterblume und ihr Todter kosen!’

Die Begleitung wurde leiser und leiser, und die Stimme Leni’s verklang langsam, als ob sie sich von hier fort verliere in jene weite, unendliche Ferne zurück, aus welcher sie vorher gekommen zu sein schien.     Jetzt war das Lied zu Ende.

Der König wandte den Kopf langsam wieder nach dem Fenster; ein unbeschreiblicher Ausdruck lag auf seinem tief durchgeistigten Gesicht mit den königlich schönen Zügen.“

 

A  Das grosse Ereignis rückt heran, alle wollen ‚ die Murreni’ hören. Aber das Gemüt’ meldet sich zu Wort: die gute Leni singt nicht ohne ihren Mentor, den Sepp. Der die Fäden sämtlicher Schicksale in der Hand hat, darf beim Debüt der Sennerin nicht fehlen. Und so gibt es zunächst beim Publikum eine herbe Enttäuschung: der angekündigte neue Stern am Opernhimmel tritt ‚ wie die Unschuld vom Lande im schlichten Gewande’ auf und mit ihr ein alter Kerl mit Zither. Kein Anderer als der Wurzelsepp. Beide intonieren ein Almlied. Nicht die Spur vokaler Schulung bei Leni, und so gibt es auch keine Spur von Beifall. Allgemeine Ratlosigkeit, die nun vom Wurzelsepp aufgelöst wird:

 

Z  „ Schauts Leuteln, ich hab halt gar nicht glaubt, dass ihr so brave und liebe Herrschafterln seid. Wir habens schlecht gemacht, das weiss ich gar wohl, aberst die Leni, das sakrische Malefizdirndl, die hats grad so gewollt. Jetzt aber wollen wir den dritten Vers noch mal singen, ohne Zithern und ohne Alls.“

 

A  Und nun überschlägt sich Karl May geradezu in musikalischen Fachausdrücken; mehr noch, wie ein Musikwissenschaftler analysiert er seine Topoi. Auffallend sein ‚brucknernahes’ Denken von der Orgel her; die  Königin der Instrumente spielt in Mays musikalischem Leben eine zentrale Rolle –‚schlug’ er doch gar in Jerusalem die Orgel. Jetzt aber die Zuhörerreaktion auf Lenis ‚Vox-humana’-Künste:

 

Z  „ Gleich bei den ersten Tönen ging eine auf den Gesichtern bemerkbare Überraschung durch den Zuhörerkreis. Leni sang das Lied aus A-Dur. Sie setzte mit dem e wie mit Orgelton ein und das tiefe cis klang voll, stark und sonor, wie es nur von einem ausgesprochenen Mezzosopran hervorgebracht werden kann. Ihre Stimme hatte ein ganz eigenartiges, männliches Timbro, und doch, als die Melodie dann emporstieg, klang es, wie wenn ein Organist die Vox humana mit der Flauto amabile und dem Posaunenbasse registriert. Das hatte niemand erwartet. Diese Stimme füllte den weiten Raum, das Wort ‚füllte’ als Kunstausdruck, als Terminus technicus gebraucht.  Und zuletzt der Jodler. Da stieg die Stimme der Sängerin mit einer Leichtigkeit bis in das dreigestrichene cis hinauf, dass man hörte, sie könne auch noch mehrere Töne weiter empor.“

 

A  Nun folgt Höhepunkt auf Höhepunkt. Beim nächsten Auftritt trägt Leni ein rosaseidenes Kleid mit grünen Weinlaubgirlanden und singt ein Liebeslied. Der

Z  „ sinnberückende Aufschlag ihrer Augen, die liebe-verlangende Haltung ihrer herrlichen Arme, das sehnsuchtsvolle Wogen ihres Busens, das alles sang, sprach, bat und flehte mit.“

A  beim dritten Auftritt ist Leni zur Enttäuschung der Zuschauer à la ‚Bettleroper’ gewandet. Und „Die Bettlerin“ heisst auch ihre Gesangsnummer; der Komponist ist kein Geringerer als der bettelarme, geschundene Fex, das Findelkind. Dem erstaunten Zuhörer bieten sich statt blosser Töne „aneinandergereihte klingende Tränen“. Das Lied ist eine versifizierte Autobiographie Lenis, ihre steile Karriere, gipfelnd in der Begegnung mit Ludwig. Hier tönte Karl May Schillers “Jungfrau“-Monolog „Lebt wohl, ihr Wälder“ in den Ohren:

Z    Ade, ade, ihr grünen Matten/ade der Gletscher wilde Pracht

     Ich steh in meines Königs Schatten/ mein König hat an mich gedacht.“

 

A  Die Reaktion auf dieses Rührstück erinnert an die Auftritte des Königs und des Herzogs in Mark Twains „Huckleberry Finn“, die auch Tränenbäche bei den Zuhörern ernteten. Doch hier ist alles deutsch und echt und entfacht ungehemmtes Weinen. Leni selbst war schon bei den schillernahen grünen Matten in heftiges Schluchzen ausgebrochen; nun schallt ein lautes herzzerbrechendes Weinen des Wurzelsepps durch den Raum, sekundiert vom Komponisten Fex. Doch auch von den Logen fliessen Tränensturzbäche:

 

Z  „ Man weinte allgemein.  Auch der König sass still und bewegungslos, den Arm, welcher das Taschentuch hielt, auf die Brüstung gestützt und das Gesicht in die Hand gelegt – er weinte! Wagner und Liszt, die beiden Meister der Tonkunst, auch ihre Kraft war zu gering: sie hatten Tränen. “

 

Nur Einer sitzt ungerührt unter den Zuschauern und sein Auge bleibt trocken:

der Krikelanton. Ihm sitzt der Grimm im Nacken, dass seine Leni sich im „Grünen, das so ausgeschnitten“ präsentiert hat. Nun ist sie nicht mehr die Seine, denn er ist ein Bursche von Prinzipien. Aber auch Leni hat dem groben Klotz, nachdem sie ihn bereits abgeohrfeigt hatte, nahezu den Laufpass gegeben. Nun will der Anton aus Rache und Trotz auch Sänger werden und die Tenorkarriere ansteuern.

Nicht nur für Leni, auch für den Fex wird das Konzert zum Event seines Lebens. Der Wurzelsepp, der wirklich an alle und alles denkt, lockt den fiesen Geiger Rialti, der Leni voyeurhaft in der Garderobe belauschen will, auf einen Baum und verschwindet mit der Leiter. Nun kann sich der Italiener einen Ast geigen, und der Weg für das Naturgenie Fex ist frei. Der klassische Fall des Einspringers von aussen. Natürlich will der Direktor den Auftritt dieses Hungerleiders verhindern, doch

Z  „ der Fex springt zur Seite, setzt schnell die Geige an und entlockt seinem Instrument einen Läufer, hinauf und hinab, ein rasendes Wogen von Akkorden und Tönen, ein Hasten und Jagen,  eine schreckliche, halsbrecherische Aufeinanderfolge drei- und vierstimmiger Akkorde, und das mit einer Leichtigkeit, wie Wasser aus dem Brunnen läuft.“

A  Damit nicht genug, animiert er auch noch das Orchester, einzusetzen. Alles springt auf und bleibt wie festgewurzelt stehen: ‚welch ein Ereignis!’:

Z  „ Da stand der barfusse Kerl, im schlechten Wams,  mit nackter Brust und spielte seinen Pas de hache mit einer Akkuratesse und Flüssigkeit, wie ein guter Oberbayer seine Mass Bier hinunterlaufen lässt, ohne dass ihm ein Tropfen davon am Schnurrbart hängen bleibt. Dieser wilde Tanz war ein Hexxensabbat aller möglichen Schwierigkeiten. Ein wild gebrochener Accord wurde bis in die höchste Höhe hinauf- und dann bis in die Tiefe wieder hinabgerollt – das war das Ende.“

 

Auch Liszt hat noch seinen grossen Auftritt. Mit gewohnter ‚unerreichbarer Meisterschaft’ spielt er auf seinem eigenen kostbaren Konzertflügel die selbstkomponierte Hunnenschlacht und lässt dieser noch eine Opernparaphrase folgen.  Aber die wirklich Lorbeerbekränzten entstammen der Volkshefe: die Muhrenleni, der Wurzelsepp – und der Fex, der allerdings ein Grafensohn ist. Leni wird von Angeboten überschüttet, die sie aber alle ausschlägt. Als sie mit Ludwig allein ist, erbittet sie sich auf dessen Frage als einzige Gabe  - das Taschentuch mit den königlichen Tränen. Mit den Worten ‚Dein König hat an Dich gedacht’ gewährt ihr Dieser die Bitte:

 

Z  „ Er gab ihr ein kleines Etui in die Hand und ging schnell hinaus, ihr keine Gelegenheit zum Dank zu geben. Sie öffnete das Etui. Es enthielt – ein Lorbeerblatt, in Gold gefasst und mit edlen Steinen umgeben. Auf dem Rücken der Fassung war eine Sennhütte eingraviert, und darunter standen die Worte: 

                                ‚ Auf der Alm, da giebts ka Sünd.’“

 

 

 

 

 

 

2. TEIL:   „DERA  HERGOTT UND DERA WURZELSEPP“

 

Z  „ Es war ein schöner Tag. Die Sonne schien zwar heiss, aber da die Strasse durch dichten, hohen Wald führte,  so fielen die Strahlen derselben nicht lästig.

Claus mochte ungefähr die Hälfte des Weges zurückgelegt haben, als er einen Wanderer bemerkte, welcher vor ihm her dieselbe Strasse ging. Ihm kam der Gedanke, diesen Mann aufzufordern,  mit in den Wagen zu steigen. Darum prüfte er denselben, soweit das von hinten möglich war.

Der Mann war von hoher, imposanter Gestalt und war halb wie ein Gebirgler, halb wie ein Forstbeamter gekleidet.

‚Grüss Gott!’ sagte der Bauer, als er ihn erreichte, doch griff er nicht an den Hut.

‚Wollens vielleicht mitfahren?’   

Der Angeredete wendete dem Sprecher das Gesicht zu, und nun blickte der Bauer in ein Paar dunkle, mächtige Augen, unter deren Blick er ganz unwillkürlich nach dem Hut griff, um ihn nachträglich doch noch abzunehmen. Der Fremde dankte mit kurzem Nicken, betrachtete mit einem schnellen, scharfen Blicke den Mann, die Pferde und den Wagen und antwortete:

‚Grüss Gott! Wohin fahren Sie?’     ‚ Nach Hohenwald’.      ‚Ist mir recht’

Er stieg ein, setzte sich aber nicht auf den vorderen Sitz neben Claus, sondern auf den hintern.  Der Bauer trieb die Pferde an und sagte dann:

‚ Warum setzens sich da hinten her?’    ‚Hier ists bequem.’   ‚Vorn bei mir ist das Reden bequemer.’    ‚ Ich bin kein leidenschaftlicher Redner.’        ‚Das heisst, dass ich das Maul halten soll.’         ‚Nicht gerade das.’        ‚Hernach hättens auch sogleich wiedern aussteigen musst. Ich hab Sie mitnommen, um Einen zu haben, mit dem ich ein Wengerl vom Disputieren reden kann.   Freilich, wanns wüssten, wer ich bin, so würdens nicht so mit mir reden.’

‚Solange Sie Ihre Pflicht als Kutscher tun, brauche ich nicht zu wissen, wer Sie sind.’

‚Meine Pflicht als Kutschern? Alle tausend Teuxeln! Wissens, ich bin der Claus, der Silberbauern! Ich bin dera Ortsrichtern von Hohenwald!’

Dabei warf er sich in die Brust.                 

‚So!’ meinte der Fremde gleichgültig, ‚weiss nichts davon.’

‚ So, da will ich Ihnen halt noch was sagen. Nachhero werdens Respect bekommen. In dem Kasten, da unterm Sitz, hab ich Geld, fast an die vierzigtausend Mark!’

‚ Ich sitze trotzdem nicht besser.’           ‚Was, wie, das imperniert Ihnen nicht?’

‚Nein.’

‚Da muss doch gleich der Teuxel dreinfahren. Wer sinds denn eigentlich da, wanns bei vierzigtausend Mark so ruhig bleiben, als obs nur ein Stückle vom Fingernagel wäre?’                     ‚Ich bin jetzt Forstbeamter.’

‚ So! Nun, da brauchens nicht grad so appart zu tun!   Forstern, Kinderwärtern und Schulmeistern, das könnt so meine Passionen sein.  Besonders das Schulmeistern. Das thut gorss und dick, und wanns zum Treffen kommt, so fressens Löschpapieren und saufen Klarizerintinten dazu.’

‚Kennen Sie so ein Beispiel?’

‚ Bei uns im Dorf.  Da ist vor ein paar Tagen der neue Schulmeistern kommen und hat gleich in dera ersten Stund Prügel bekommen.’

‚Von wem?’     ‚Von mir und meinem Buben, dem Silberfritz.’

‚ So!  Bei Ihnen empfängt also der Inhaber der Ortsgewalt den neuen Lehrer mit Schlägen?’             ‚Warum nicht? Wann er’s verdient hat!’

‚Was hatte er denn getan?’          ‚Er ist grob gewest gegen meinen Silberfritz.’

‚Und da giebts sofort Prügel?’

‚Sofort, und zwar nach Noten!  Und wann dera König selberst käm, wann er nicht höflich wär, so würd er durchgehaun.’                      ‚Ah!’

‚ Ja!  Oder glaubens das etwan nicht?  Da kommens bei mir schlecht an. Wir hier oben kümmern uns den Teuxel um den König und seine Leuten. Der weiss halt auch nimmer, was er für Dummheiten beginnen soll.’

‚Sie scheinen ihm nicht sehr gewogen zu sein.’

‚ Gewogen?  Na, mir ist er eigentlich ganz und gar gleichgiltig; aberst er soll mich nur auch in Ruhe lassen.’      ‚Hat er das nicht gethan?’     ‚Nein.’       ‚Wieso?’

  Der will alle Menschen gross machen und berühmt.  Der Eine soll ein Malern werden und der Andre ein Dichtern, der Dritte ein Musikanten und der Vierte ein Sänger. Alle sollen Künstlern werden und berühmt und reich.   Sogar die Bubn nimmt er von dera Fähr hinweg und wills studieren lassen, weil’s ein Wengerl Violinen geigen können. Da komm ich alleweil von einem Freund aus dera Thalmühlen. Dem hat der König einen Gesindebub weggenommen, weil er auf der halben Geigen klimpert hat. Mir, wann er das machen thät, na, ich wollts ihm schon stecken!  Und weitern – ah, schad, dass ich aufhalten muss! Ich bin grad im Zug. Da aber ist die Waldschänken, und da gehen meine Pferden halt gar niemals vorüber.  Also, steigens mit aus?’

 

A  Hoffentlich folgt der Zuhörer nicht der Aufforderung des Silberbauern von Hohenwald, auszusteigen, sondern bleibt noch eine Weile sitzen in dem Pferdefuhrwerk, mit dem uns der fabulierfreudige Karl May dieses Mal nicht durch den Wilden Westen, sondern den kaum weniger bedrohlichen Bayerischen Wald kutschiert. Zwar bekräftigt der von der Alpenidylle berauschte Dichter wiederholt, es gäbe ‚koa Sünd auf der Alm’, aber sein brennendes Interesse für Schurken und Schandbuben geht mit ihm durch wie später die Pferde dem Silberbauern. Und so wimmelt es in den Gründen, Tuften, Schluchten und Tälern von Bösewichtern, Mördern und Spitzbuben. Getreu seinem Idol Richard Wagner siedelt May seine Finsterlinge in Waldesdickicht und Flusstälern an: diese Alberiche, Mimes und Hagen scheuen die lichten Höhen und die strahlende Bergwelt. Auch der obenerwähnte Claus ist kein edler ganghoferscher ‚Förster vom Silberwald’, sondern eben ein schurkischer ‚Silberbauer von Hohenwald’, der sich und seine Familie mit den Silberlingen des Judas ausstaffiert. Folglich heissen Sohn und Tochter Silberfritz und Silbermartha; Ersterer ein protzender Raufbold und Weiberheld, letztere ein hochfahrendes Fräulein.

Im Dialog mit dem Unbekannten brüstet sich der Silberclaus, den neuen Lehrer von Hohenwald verpügelt zu haben, weil Dieser seinen Sohn provoziert haben soll.

Hier spätestens muss der Karl-May-Kenner stutzen und Zweifel anmelden wie der Unbekannte in der Kutsche:  ein Bauer verprügelt einen Lehrer?  War nicht Karl May selber Lehrer, der infolge kleptomanischer Übergriffe aus dem Amte entfernt wurde? Und versucht der Dichter May nicht ständig, diese im Berufsleben erlittene Schmach in seinen Roman abzureagieren und zu kompensieren?  Folglich sind seine Lehrer zumeist edle Naturen und dazu noch bärenstark. So auch hier – im Roman „Der Weg zum Glück“: der Erzieher heisst Walther, ist jung, attraktiv, intelligent, gewandt und stark, grundgut und entpuppt sich bald als genialer Dichter. Da der Bauer hier der Schurke ist, müssen wir uns die von Claus geschilderte Prügelszene in der Umkehrung vorstellen: bei seiner Ankunft in Hohenwald verdrischt der beherzte Walther nacheinander Sohn und Vater, Silberfritz und Silberclaus, nach Strich und Faden. Doch auch die hochmütige Silbermartha bekommt ihr Teil ab – wer weiss, ob der Musikkenner May bei ihrem Namen nicht an Flotows ebenfalls eingebildete Lady Harriet alias ‚Martha’ dachte? Die Maysche Martha jedenfalls ist eine schöne stolze Bauerndirne, der der väterliche Reichtum zu Kopfe stieg und die mit dem jungen Lehrer ihr Spiel treibt,  bis der Verliebte und Gedemütigte zum Gegenangriff übergeht, ihr den Hochmutsteufel austreibt und die dunklen Machenschaften ihres Vaters aufdeckt. Walthers eigene Herkunft liegt in adeligem Dunkel – wie die des Lionel bei Flotow –, und die demütig gewordene Martha bittet ihm schliesslich ab wie diejenige der Oper. Mit grosser theatralischer Gebärde schildert May die Begegnung, die beweist, wie viel Autobiographie in diesem Lehrer-Dichter steckt:

 

Z  „ Ja, ich sah Sie, und ich gestehe, dass Sie als Türkin wunderschön waren,  entzückend sogar. Ihre vollen Formen, das blendende Weiss Ihres Teints, die prächtigen Augen, die berauschenden Lippen, das – das Alles nahm meine Sinne gefangen. Ich kam mit ihnen zu sprechen. Was Sie wussten, das befriedigte mich, und wie Sie es vorbrachten, das war so naiv offen, so traulich, so –so – eben auch so verdammt raffiniert,  dass ich an der Leimruthe hängenblieb. Ich liebte Sie wirklich und von ganzem Herzen und dichtete auf Sie Lieder, wie ich sie so schön in meinem Leben nicht wieder dichten werde. Es zog mich zu Ihnen.  Ich hörte, dass der hiesige Lehrer abgehe, und meldete mich. Von allen Seiten rieth man mir ab – vergeblich! Ich liebte Sie und ging. Jetzt nun treffe ich Sie an und bin – enttäuscht, vollständig enttäuscht. Ich habe das Gefühl wie Einer, der im Dampfbade sitzt und ganz plötzlich mit eiskaltem Wasser übergossen wird. Zunächst erschienen Sie mir in einer Kleidung, welche nur eine Coquette anlegt; dieser Prassel mit Ihren Silbermünzen ist einfach ungezogen und beleidigend. Kurz: ich bin überzeugt, dass Sie ein gefühlloses, rohes, raffiniertes, eingebildetes stolzes und  - liebeslüsternes Frauenzimmer sind.  Ich bin geheilt. Holen Sie sich einen anderen Dichter!“

 

A   Doch kehren wir zurück zu dem Unbekannten, der in den Wagen des Silberclaus gestiegen ist und sich dem Prahler gegenüber so zurückhaltend verhält. Karl Mays kurze Personenbeschreibung, sowie die Attacke des Bauern gegen den König lassen ahnen, dass kein Anderer als Ludwig II der stille Mitfahrer ist, der sich wieder einmal auf Wander- und Entdeckerschaft befindet. Die Annahme wird beim Auftauchen einer dritten Person zur Gewissheit, die stets in Königsnähe weilt und mehr und mehr zu dessen treuem Vasallen wird: dem Wurzelsepp. Und des Silberclaus’ Hohn über des Königs edles Mäzenatentum verheisst ein böses Ende des Spötters. Hat er doch allen Grund zur Sorge des Entdecktwerdens: an dem Elend des Wasserfex, der dem König das Leben rettete und nun sein Schützling ist, trägt der Silberbauer die Hauptschuld. Zusammen mit seinem Komplizen, dem Talmüller, verübte er eine Schandtat, dessen Opfer und Zeuge der Fex ist. Der allwissende Wurzelsepp enthüllt in einem Gespräch dem erschreckten Bösewicht, dass er über alle Details dieser Komplizenschaft im Bilde ist. Doch über dieses Handlungsgemenge erhebt sich der Monarch, gleichsam unberührt in seiner Reinheit. Ludwig, der nur die Verfeinerung und Läuterung menschlicher Regung durch die Künste im Sinn hat, muss immer wieder die Erfahrung mit der Bestie Mensch machen. Nach all den Schilderungen königlicher Huld und Kunstsuche gewährt uns May endlich einen Blick tief hinein in die königliche Seele, angefüllt mit Gram angesichts all der Schlechtigkeit ringsum;  gleichsam der Faustmonolog Ludwigs innerhalb des Romans, getränkt von Schopenhauerschem Pessimismus:

 

Z  „ Es war ein wunderbar schöner Feiertagsmorgen. Die Sonne leuchtete in all ihrer Pracht. Die Lerchen trillerten. Vom Busch her ertönte lauter Finkenschlag. Der König hörte es nicht. Sein Herz war so tief traurig. Welch eine Fülle von Schmerz vermag eine einzige Menschenseele in sich zu fassen! Hier, dieses kleine Hohenwald, dieses weltvergessene, einsame Gebirgsnest, wie viel Sorge und Noth, wie viel Jammer und Elend, wie viel Schlechtigkeit und Verbrechen trug es versteckt in seinen Häusern!

Und nun die weite, weite Erde – welche undenkbare Masse von Herzeleid hat sie zu tragen, während sie stolz und leuchtend in furchtbarer Eile um die Sonne rollt! Ist das Leben denn überhaupt werth, dass man es lebt! Ist das Hohe, das Edle, nach welchem der Erdensohn strebt, denn wirklich so erhaben? Verdient es die Wissenschaft, die Kunst denn wirklich, dass man ihr die Leiden, Entbehrungen und Anstrengungen seines ganzen Daseins opfert? Ist nicht der Augenblick, an welchem ein müdes Auge bricht, um das Aufleuchten einer besseren Welt zu erblicken, nicht der schönste, der beneidenswertheste im ganzen Leben? Ist der Tod nicht Erlösung von allem  Uebel, und bedeutet nicht der Klang der Sterbeglocken einen Bewillkommungsruf aus höheren Sphären, wo die Seele Alles abgestreift hat, was - -

 

A  Ludwig hat allen Grund, über das Übel der Welt zu seufzen und die Untaten seiner Untertanen zu beklagen. Bald kann er seinem Lamento auch noch den Beckmesservers aus den „Meistersingern“ anfügen:

Z  „ Gar auf mein Leben/ ward’s abgegeben“.

Der König, schon des öfteren von wackeren Naturburschen aus Todesgefahren befreit, muss nun auch auf der Hut sein vor Anschlägen. Verdächtigt gemacht hat er sich vor allem durch allzu luxuriöses Auftreten mit goldener Uhr und kostbaren Ringen. Aber Ludwig wäre nicht der geliebte ‚Kini’, wenn er nicht aus dem Volk seine Retter hätte. Und wenn der getreue, allgegenwärtige Wurzelsepp einmal nicht zur Stelle ist, kommt ein Anderer: ein armer bayerischer Bauerngeselle, der aber das Herz auf dem rechten Fleck hat. Kurioserweise heisst er auch Ludwig und noch dazu Ludwig Held; so also wird Ludwig durch Ludwig gerettet. Der Bauernludwig wird Zeuge eines von zwei slawischen Strolchen geplanten Mordes und ahnt allmählich, wer das Opfer sein soll. Tief entsetzt  führt Ludwig Held gleichsam in Gedanken die königliche Mediatation über die verderbte Menschheit fort:

 

Z  „ Die Zwei hatten den Tod eines Königs beschlossen und vermochten, darauf ruhig zu schlafen. Ludwig schauderte. Zwar wusste er nicht, von wem sie gesprochen hatten, aber er wusste doch, dass es sich um einen Mord handelte. Ists möglich, dass die Seele eines Menschen so bodenlos tief in Gott- und Gefühllosigkeit sinken kann?

Das Gehörte ging ihm im Kopf herum. Es lag ihm so schwer auf der Seele, als ob er selbst den Entschluss gefasst habe, einen Menschen umzubringen.

Und wer war dieser Mensch?

‚Herr’ hatten sie immer nur gesagt. Aus Allem ging hervor, dass er kein gewöhnlicher Mann sein könne.  Er trug Edelsteine im Werthe von Millionen bei sich – ihrer Ansicht nach. Ausserordentlich reich war er also auch.

‚Sollten sie gar einen König ermorden wollen? Aberst hier in Oesterreich gibt’s halt keinen. Sollten Sie meinen König meinen? Einen ‚Riesen’ haben sie ihn nannt? Mein guter König ist von hoher und breiter Gestalt, und er würde es gar wohl mit diesen Zweien aufnehmen können, wanns ihn überfallen wollten. Aberst das ist nicht möglich, ganz und gar unmöglich. Dieser Gedanke ist ja so grässlich, dass ihn gar kein Menschenkind haben kann.“

 

A  Da es eben doch solche Menschenkinder gibt, nämlich die beiden Schmuggler oder ‚Pascher’ Osec, Vater und Sohn, zu allem auch noch Ludwigs Rivalen um die Hand der schönen Gisela, heisst es handeln. ‚Osec’ – der Name klingt nicht bayerisch, sondern tschechisch, da drüben aus dem Böhmischen – verheisst also angesichts des Mayschen Patriotismus nichts Gutes.  Und wieder sieht sich der König in ein Bergabenteuer verstrickt:

 

Z  „ Vier Arme schlangen sich um ihn, die ihn niederringen wollten. Er im Vollgefühle seiner riesigen Körperkraft leistete wackern Widerstand. Sie brachten ihn nicht nieder.

‚ Mach kein langes Gesumms mit ihm!’ keuchte der Eine. Nimms Messer! Wenn er kalt ist, so ist er kalt!’

Im nächsten Augenblick sah Ludwig trotz der Dun kelheit ein blitzschnelles mattes Blinken vor seinen Augen. Der Pascher hatte wirklich zum Messer gegriffen. Ludwig griff schnell zu, und es gelang ihm, den Arm zu erfassen.

‚Er hält mich!’ sagte der Eine. ‚Stich du ihn!’        ‚Schön, gleich!’

Da plötzlich rief eine dritte Stimme laut:

‚Stechen! Ihr Hunde, was fallt Euch ein! Das sollt Ihr verfluchten Mördern doch nimmer fertig bringen. Hier hasts!’

Ludwig hörte einen kräftigen Schlag und der Kerl welcher ihn jetzt hatte stechen wollen, stürzte zu Boden.

‚Fremder, wie viele sinds halt?’ fragte die dritte Stimme.  ‚Doch nur zwei?’

‚Ja’.    ‚Na, dann wollen wir den Andern auch noch ins Bett legen.’

Ein zweiter Hieb war zu spüren, dann stürzte der Andere zu Boden.

‚So!’  sagte die Stimme. ‚Auch dieser ist fertig. Bist wohl verwundet?’

‚Gott sei Dank, nein.  Da liegen sie nun am Boden. Sie werden wohl besinnungslos sein.’     ‚ Ja, aberst ganz todt sind sie halt nicht. Ich hab ihnen einen kleinen Klapps auf den Kopf gegeben. Wart, da am Stein habens ihre Laternen stehen. Wollens halt mal anleuchten.’

Nebenan stand die Blendlaterne.  Er hob sie auf und öffnete sie. Er liess ihr Licht zunächst auf den König fallen.

‚Sakra!’ rief er. ‚Bists wirklich, Herr Ludwig! Na, das ist mir eine grosse Freuden, dass ich dazwischen kommen bin.’

‚Und ich weiss Dir grossen Dank. Du hast mir heut zum zweiten Mal das Leben gerettet!’“

 

A Der König lebt und kann weiter fördern. Natürlich will der Schriftsteller Karl May ihn auch zum Dichtermäzen erheben; und nebenbei nimmt Ludwig auch noch die Zeichner und Architekten unter seine Fittiche. Exponent der Dichtkunst ist der oben erwähnte Max Walther, der sich aus Liebe zur Silbermartha in jenes Hohenwald strafversetzen liess, das auch der König besucht. Schicksalhaft zufällig fällt Ludwig das Heft mit den lyrischen Ergüssen des Lehrers in die Hände; davon beeindruckt will er die poetische Tiefe des Jüngers in Apoll prüfen. Wie im Fall von Martha und Flotow gemahnt der Name Walther hier an den des Ritters von Stolzing; denn wie Dieser soll Walther eine Probe seiner Improvisationskunst liefern. Doch nicht von heimischer Natur – von Winterherd, Waldespracht und Wunderbaum – soll er künden, sondern seinen Horizont gen Indien lenken. Sieg eines christlichen Missionars über einen Brahmanen – so lautet die königliche Aufgabe an den jungen Poeten. Dieser entfacht ein bildungsprasselndes Exotenfeuer, von dessen Wirkung wir nur eine Ahnung vermitteln und dessen halbstündige Dauer wir nur en detail wiedergeben können:

 

Z  „ Da erhob der Lehrer langsam die beiden Arme zur Declamation, blickte empor, ganz in der Haltung, in welcher der Brahmane zu seinem Gotte betet, und begann:

‚ Spreng deines Grabes Felsenhülle,/ Kalidasa, steig aus der Gruft,

 Und komm in aller Macht und Fülle,/ Zum Thuda, der Dich sehnend ruft!

 Soll der Brahmane schlafen gehen,/ Die Sakundala in der Hand,

 Soll er den Zauber nicht verstehen,/ Der ihn an die Schöpfung band?’

Der Monarch holte leise, aber tief Atem und schloss die Augen, um diese biegsame, wohlklingende Stimme ganz auf sich einwirken zu lassen. Walther fuhr in der Verherrlichung Brahma’s fort („Meistersinger“: „Sänger am Ort/fahret fort!“):

‚ Und ewig war er, eh die Flosse/ Des grausigen Geulodon

  Im Urweltmeer der riesengrosse/ Ichtyosaurier geflohn.

  Und ewig bleibt er und wird wohnen/ In nie geahnten Sonnenhöhn,

  Wenn Weltengenerationen/ durch ihre Urkraft neu erstehn.’

So verkündete der Priester weiter das Lob seines Gottes und erzählte dann, dass andersgläubige Männer in das Land gekommen seien. Hasserfüllt schildert der Priester das Auftreten der Christen und beschwört seine Anhänger, die Fremden zu vernichten und dem finsteren Shiwa zu opfern. Da wird er von dem Missionär unterbrochen, der der heidnischen Predigt zugehört hat und nun dem Priester in die Rede fällt:

‚ Halt ein! Wollt Ihr Gott wahrhaft finden/ O, so verwischt nicht seine Spur!

  Der Zweifel muss und wird verschwinden:/ Den Schöpfer kennt die Creatur.

  Sucht ihn im sphärischen Accorde,/ Im grossen Weltzusammenhang!

  Dort öffnet sich des Himmels Pforte,/ Aus der sein Ruf hernieder klang.’

Und nun beginnt er von dem Allmächtigen, Allgerechten, Allweisen und Alliebenden zu sprechen. Seine Worte werden getragen von höchster Begeisterung. Endlich schloss er mit den Worten:

‚ Dann wird der Glaube triumphieren,/ Der einen Gott und Vater kennt;

  Die Namen sinken und es führen/ Die Wege all zum Firmament!’

Von der Gewalt der Rede gepackt, begehren die Hörer, aufgenommen zu werden in die Gemeinschaft der christlichen Kirche. Selbst der Priester ist jetzt so erschüttert, dass er, ein zweiter Saulus, sich als Paulus zuerst erbittet, getauft zu werden.

Welch eine Kenntnis indischer Zustände entwickelte der junge Dichter! Wie glanzvoll liess er die heiligen Lehren des Christentums über die heidnischen Satzungen siegen!  Er sah nicht Diejenigen, zu welchen er sprach, sondern er sah im Geiste Palmen wehen unter Riesentempeln und fühlte den Palmenhauch in der niedrigen Stube der kleinen Mühle.“

 

A  Aus Karl Mays Vorliebe für ernste Musik in Moll und seinem Hang zu Pathos könnte man auf einen Mangel an Selbstironie und Humor schliessen. Die unfreiwillige Komik, mit der gerade der „Weg zum Glück“ gepflastert ist, scheint zu überwiegen. Und doch kennt May das Wort ‚zwerchfellerschütternd’ und wendet es auf eigene Werke an. In einem Brief an seinen Verleger Fehsenfeld erwähnt er neben einer Oper, die ‚d e u t s c h e, d e u t s c h e  und abermals d e u t s c h e Musik’ enthalten soll eine Posse, betitelt „Die Pantoffelmühle“.  Diese ( leider Fragment gebliebene) Posse will er dem ‚moralischen Sumpf’ Frankreichs entgegensetzen. Mit dieser Intention des komischen Deutschen befindet sich May in erstaunlicher Parallele zu Heinrich Heine, der Jahrzehnte zuvor den deutschen Humor positiv gegen den französischen ausspielte. Und Karl May nun will sein

Z  „ echt deutsches zwerchfellerschütterndes Stück  dem französischen Schund entgegensetzen, der mit seinen Ehebruchssünden und Unwahrscheinlichkeiten alle unsere Bühnen moralisch versumpft. Es wird in diesem Stück geweint und gelacht, meist aber gelacht. Denken Sie sich, der Alte Dessauer, der kein Gehör hatte und nur die eine Melodie ‚So leben wir usw.’ singen konnte, kommt, um ein adliges Altfräuleinstift zu inspizieren; da treten die sechs ältesten Desmoiselles mit Ziehharmonika, Brummeisen, Cello und Guitarre zu ihm herein und singen ihm zur Melodie ‚Ännchen von Tharau’ vor:

‚Sitz ich im trauernden Mondenschein/ mit meiner trauernden Trauer allein

lächeln so traurig die Sterne mir zu/ traurige Jungfrau wie traurig bist du!

Traurige Lieder im traurigen Sinn/ sink ich in traurige Traurigkeit hin.’“

 

A  Ein männliches Gegenstück zu den musizierenden Stiftsdamen treffen wir im „Weg zum Glück“ mit der sogenannten ‚Wenzelei’ an – den drei schrulligen Dorfmusikanten Menzel, Wenzel und Frenzel. In seiner lauten böhmisch-bajuwarischen Komik bildet dieses Trio den absoluten Kontrast zu einer Muhrenleni, die sich zur Signora Murreni hinaufjodelt, einem Wasserfex, der sich zum Komponisten-Virtuosen hinauffiedelt, oder auch zum Krikelanton, der zum Herrn Kammersänger Warschauer avanciert. Das Schrammeltrio indes soll die burleske Oase bilden inmitten dieser Unzahl melodramatischer Handlungen.

Der Hamburger Kantor Hartmut Kühne verweist in seinem Vortrag über Karl May und die Musik auf die Nähe zu Richard Wagner hin. Wagner als der Abgott Ludwigs steht ja ohnehin im Zentrum dieses Romans. Kühne erwähnt aber auch Alfred Lorenz, der das ‚Geheimnis Wagnerscher Formen’ untersucht und auf elementare Grundmuster zurückgeführt hat. Kühne versucht seinerseits, die Lorenzsche Bogenform auf den Jugendroman  „Der Oelprinz“ anzuwenden. Ohne  hier etwas Ähnliches wagen zu wollen, sei doch darauf hingewiesen, dass May ein fast sinfonisches Gespür für Textproportionen besitzt. „Der Weg zum Glück“ – eine epische Alpensinfonie: nach den obengenannten Künstlerkarrieren; nach den Greueltaten von Talmüller und Silberbauer; nach Walthers, Rudolfs, Mildas, Astas, Giselas und Anderer Seelenverstrickungen mit höherer Fügung ist es Zeit für ein groteskes Intermezzo – fast könnte man es ein Scherzo nennen oder eine Valentinade:

 

Z  „ Die Capelle bestand aus nur drei Personen, welche ihre Instrumente bei sich hatten – einen Violonbass, eine verbogene und verknillte Posaune und eine alte B-Klarinette. Diese drei Künstler waren in mehreren Beziehungen hochinteressant. Zunächst wegen ihrer fast gleichlautenden Namen. Sie hiessen nämlich Menzel, Wenzel und Frenzel. Darum wurde die Capelle kurz und treffend die ‚Wenzelei’ genannt.

7. Musik  P. Hindemith  1. Kammermusik oder Strw.Marsch aus  „Histoire du soldat“

  Der Rumpelfrenzel , so genannt, weil er den Violonbass ‚rumpelte’, hatte sein Instrument von einem selig verschiedenen Vetter geerbt. Er war der Schneider des Ortes und verbrachte seine freien Stunden damit, seinem Basse ein Zahnschmerzen erregendes Grunzen und Stöhnen zu entlocken. Er war sehr lang, sehr dürr, trug eine schauderhafte falsche Haartour auf dem schmalen Schädel, einen blauen Sonntagsfrack und einen kupferrothen Hautüberzug auf der langen Nase. (Kontrabassolo)

Der Posaunenwenzel war Schuster. Er hatte von einem säumigen Musikus nichts bekommen als die unglückliche Posaune. Vor lauter Wuth hatte sich der Schusterwenzel darauf gelegt, sie nun selbst zu blasen.  Er verstand es, ihr die unglaublichsten Töne zu entlocken, Töne, welche zwischen dem Quieken eines Ferkels und dem Brüllen eines wüthenden Ochsen hin und herfuhren, ohne auf einem festen Ton haften zu bleiben.  Der Posaunenwenzel war von starkknochiger, untersetzter Gestalt. Die Haare standen ihm stets zu Berge; sein kleiner Schnurrbart sträubte sich ohne Unterlass, und was er in seinem Geschäfte des Wochentags an Pech übrig behielt, das pflegte ihm Sonntags an Händen und im Gesicht zu kleben.

Der Dritte im schönen Bunde, nämlich der Clarinettenmenzel, spielte den Musikdirector. Er war von Geburt und Herzensliebe ein echter Bayer und sprach immer noch seine vaterländische Mundart. Er war sehr behäbig und beleibt und ging nur in bayrischer Gebirgstracht – Bergschuhe, Wadenstrümpfen, Lodenjoppe, Gurt und einen Hut mit Spielhahnfeder.  Die Clarinette hatte der Schmiedemenzel von einem alten Manne, der mit Eisen handelte, erworben. Das liebe Instrument hatte freilich nur aus den hölzernen Theilen bestanden; die Löcher waren verstopft und am Schnabel fehlte das Rohrblatt. Menzel schmiedete sich selbst neue Klappen zurecht und nagelte sie an Ort und Stelle fest. Sodann bohrte er mit einem viel zu starken Bohrer die verstopften Löcher wieder aus, und brach, da er keines Rohrblattes habhaft werden konnte, ein Stück von einer hölzernen Streichholzschachtel ab und band es mit starkem Eisendrahte auf dem Schnabel fest.

Als er zum ersten Male oben hineinblies, heulte und jammerte es unten heraus wie von tausend Gespenstern, und sämtliche Löcher winzelten und fibten so, dass er sie mit allen zehn Fingern zustopfte, da er die Gelenke seiner neuen Klappen mit festgenagelt hatte. Aber sein musikalisches Genie setzte sich über solche Nebensachen hinweg. Er blies und blies, bis sein Mund die Gestalt eines Clarinettenschnabels annahm. Wenn auch jedes Loch in einer anderen Tonart stand und er mehr Streichholzschachteln verbrauchte als er in einem Jahr verbrennen konnte, er blies eben weiter und brachte es zu einer solchen Virtuosität, dass er beim Blasen die Augen gar nicht mehr aufmachte. ( Klarinettensolo aus „Petruschka“ oder Eulenspiegels Tod etc.)

Sogar Noten hatte er sich gekauft, bis der Lehrer ihm mitteilte, dass es Orgelnoten seien. Nun blies er noch des Nachts diese Orgelfugen, bis ihn seine zornige Frau beim Wickel nahm und ins Bett schleuderte.

Diese drei Musikliebhaber hatten sich zusammengefunden und begannen heimlich zu üben, draussen im Walde, in einer Scheune oder in einem fernen Steinbruche. Zuletzt hatten sie eine solche Übung erlangt, dass, wenn der Eine begann, fingen die andern Beiden auch mit an. Und wenn Einer endlich aufhörte, brauchten die andern Beiden nur noch zehn bis zwölf Fusstritte, die sie Tacte nannten, und hörten nachhero auch mit auf.  Schliesslich wurde sogar ein so meisterhaftes Zusammenspiel erreicht, dass sie den Walzer ganz richtig im Sechsachtel und den Galopp im Zweivierteltacte nudelten. Und nun traten sie öffentlich auf. Der Erfolg war gradezu und wörtlich ein durchschlagender.“

 

A  Was aber ist aus unseren Helden, ihrer steilen Karriere und verunglückten Love Story geworden?  Ein wenig aus den Augen verloren hat sie unser Autor in all seiner Fabulierlust schon.  Erinnern wir uns:

Der wackere Wildschütz, genannt Krikelanton, gab seiner Leni den Laufpass, als er sie fremdgewandet im Konzert vor Leuten singen sah. Aus Zorn wird er zunächst Tabuletkrämer – auf Bayerisch ‚Kraxenmo’ -, um sich dann seinerseits der Tenorlaufbahn zuzuwenden. Hierbei ist ihm der Musikprofessor Weinhold behilflich, da er dessen Gattin aus einer steilen Bergwand befreite. Dass sein Naturmaterial ein wahres Alpenbelcanto in sich birgt, ist evident. Und doch erfahren wir von seinem strahlenden Timbre wenig, da sich Leni, der Wurzelsepp und Karl May selber über Antons Stimme nicht ganz im Klaren sind. Der letzte Glanz scheint ihr zu fehlen, da der innere Antrieb: die Liebe zu Leni fehlt. Ein Hauskonzert mit Robert-Franz-Liedern und eigenen Inventionen fördert zutage, dass hier ein liebender Wildschütz auf dem Wege ist, zum tenoralen Schürzenjäger abzurutschen. Drei Frauen scheinen seinem Schmelz zu erliegen:

-         da ist einmal die verfüherische Asta, die den Anton zunächst aus eisigem Adelsstolz brüskiert, um dann auf die Mitteilung hin: er ist Tenor und den Klang seiner Stimme in buhlerisches Entzücken umzuschwenken:

 

Z    ‚Er ist mein; er ist mir verfallen!’ erklang es in ihrem Innern. Endlich entschloss sie sich für eines der Lieder.

‚Hier bitte, mein Herr! Ich habe diese Composition nur ein einziges Mal gehört. Darf ich bitten?’   ‚ Wenn ich auf dem Lager liege’ von Robert Franz? Gut, beginnen wir!’

Der Professor präludierte die zwei Tacte und dann begann Anton:

‚ Wenn ich auf dem Lager liege/ In Nacht und Dunkel gehüllt,

   So schwebt um mich ein liebes,/ Anmutig süsses Bild.’

Als er langsam in As-Dur begann, vermochte keine der Zuhörerinnen, unbeweglich zu bleiben. Es klang, als ob die hellsten, reinsten Perlen von seinen Lippen rollten. Er sang leise, mit unterdrückter Stimme; aber man hörte, welcher Mächtigkeit dieselbe fähig sei. Das war eine Zartheit, ein Schmelz! War das denn wirklich der Tabuletkrämer, der damals seine ungelenken Jodler hinausgeschrieen hatte? Keine der Damen war eigentlich eine Musikkennerin; aber alle Drei fühlten sich tief, tief ergriffen, nur eine Jede in ihrer Weise.“

 

A  - Da ist Astas Freundin mit dem bezeichnenden Namen Milda; auch sie soll ein Lied wünschen, aber sie empfindet platonischer als ihre sinnliche Freundin:

 

Z  „ ‚Für mich auch eins?’ sagte Milda.  ‚ Nun dann mein Lieblingslied. Hier ist es!’

Sie legte ihm das Notenblatt hin. Es war überschrieben  ‚Blühendes Tal.’ Der Gesang beginnt sogleich, ohne Vorspiel:   ( 8 b Musik

‚Wo ich zum ersten Mal dich sah,/ Wie üppig grünt die Wiese da,

  Wo ich zum ersten Mal dich sprach/ Da blühn die Veilchen unterm Dach.’

Er hatte jetzt vermieden, Asta anzusehen, und doch fühlte er förmlich ihren Blick auf ihm ruhend. Er fühlte sich von ihr abgestossen und doch auch mit eigenthümlich zwingender Macht wieder angezogen. Es war, als ob er sich in einem Zauber befinde. Auch Asta fühlte etwas, was sie noch nie gefühlt hatte. Dieser Wildschütz macht ihr mit seiner herzbestrickenden und sinnbethörenden Stimme zu schaffen. Wenn Orpheus mit seinem Gesange Steine lebendig machen konnte, warum sollte es dieser geradezu beispiellose Tenor nicht vermögen, ein kaltes Herz in Liebesgluth zu versetzen?“

 

A  - und nun die dritte Lauscherin, die Bürgermeisterin des Ortes. Sie verlor einst unter dramatischen Umständen ihr Kind und verlangt nun ein mütterliches Lied in Moll. Später wird sie sich als Mutter unseres Dichters Walther entpuppen, sowie Baroness Milda als dessen Schwester. Das erschütterte Ohr der Bürgermeisterin hört denn auch die innere Wahrheit aus Antons Stimme heraus:

Z  „ ‚ Ich möchte Sie um dasjenige Lied bitten, welches mich stets am tiefsten rührt: ‚Des kranken Kindes Traum’.  Er überflog die Melodie. Sie begann in A-moll, in so weichen, herzinnigen Tönen fragt das Kind:

‚ Was wecken aus dem Schlummer mich/ Für süsse Töne doch?

  O Mutter sieh, wer mag es sein/ In später Stunde noch?

  Es ist nicht irdische Musik,/ Was mich so freudig macht;

  Mich rufen Engel mit Gesang,/ O Mutter, gute Nacht!’

Bei den Worten ‚es ist nicht irdische Musik’ begann seine Stimme zu schwellen, stärker und stärker, brauste durch das Zimmer und sank beim dem letzten Gruss an die Mutter zum leisen, hinsterbenden Flüstern herab.

Asta war fast erschrocken über diese gewaltige Fülle von Wohlklang und Metall.

Milda sass mit gefalteten Händen und blickte den Sänger zweifelnd an. War es denn möglich, dass diese Töne aus einer menschlichen Brust kamen?

Und die Bürgermeisterin hatte sich abgewendet und weinte inbrünstig. Es war überhaupt eigen, dass diese drei weiblichen Wesen sich ganz genau und treffend durch die Wahl ihrer Lieder charakterisiert hatten. Asta mit ihrem einfachen, nackten Constatieren des Verleibtseins; Milda, die Liebe tiefer, viel tiefer erfassend, und die Bürgermeisterin nur an die grösste Liebe, die Mutterliebe, denkend.

‚ Herr Warschauer,’ sagte sie mit leiser Stimme, denn sonst wär sie in Schluchzen ausgebrochen ‚ ich danke Ihnen innigst für das Lied! Gott hat Ihnen in Ihrer Stimme eine Macht über die Menschenherzen gegeben, welche Ihnen zum Segen, aber auch zum Verderben gereichen kann. Er gebe Ihnen nun auch das ächte, wahre, treue Fühlen; dann werden Sie die Seele besitzen, ohne welche selbst die grösste Kunst nur todt und leblos ist. Gute Nacht!’

Ohne zu wollen, hatte sie eine scharfe und äusserst treffende Kritik geführt.  Ja, sein Gesang war ohne Gefühl, ohne wahre Empfindung. Ihm fehlte die Seele; er hatte sie mit der Leni von sich gestossen. Welchen Eindruck hätten seine Lieder gemacht, wenn eine wahre, reine und treue Liebe in seinem Herzen gelebt hätte! Lenis Lieder wirken ja gerade deshalb, weil sie eine unglückliche Liebe im Herzen trug, so wunderbar, so hinreissend. Anton musste, um auf die Höhe seines Berufes zu gelangen, innerlich von Neuem geboren werden.“ ( Musik ausklingen)

 

A  Zu dieser Neugeburt kommt es vorerst nicht, da Anton zwar auf einer Amerikatournee Geld wie Heu scheffelt, aber in Wien in schlechte Gesellschaft gerät und einen grossen Teil des Geldes verspielt, verhurt und versäuft. An seine armen bescheidenen Eltern denkt der Hallodri überhaupt nicht mehr; diese müssten buchstäblich verhungern, nähme sich nicht die herzensgute Leni ihrer an. Leni – oder vielmehr Signora Murreni oder auch Ubertinka – und Krikelanton – in Signor Criquolini umgetauft – treffen in der Kaiserstadt wieder aufeinander. Leni birgt in ihrem Herzen immer noch die Hoffnung, der halsstarrige Anton möge zur Einsicht kommen und zu ihrem Herzen zurückfinden. Aber vergeblich: Ruhm und Reichtum steigen Diesem zu Kopf, in tyrannischer Verhärtung und Prahlsucht wird er ordinär und unflätig gegenüber Leni und verkennt total ihren glanzvollen Aufstieg. Leni sagt sich nun endgültig von ihm los und wendet sich dem vornehmen Grafen Senftenberg zu, der sie anbetet und auf Händen trägt. Anton entgeht nur mühsam einer Verhaftung, da er in Gemeinschaft einer Diebin und eines adeligen Kapitalverbrechers ist, die ihn für ihre Schurkereien benutzen. Letzterer ist der nichtswürdige Baron Alberg, der Vater Mildas und des Poeten Walther, der in ihr die Schwester und in der Bürgermeisterin die Mutter widergefunden hatte. Alberg steht auch in Verbindung mit den beiden Erzbösewichtern des Romans –Talmüller und Silberbauer; gemeinsam haben sie eine adelige ungarische Familie auf dem Gewissen, deren einziger überlebender Spross der Wasserfex ist. Als Dieser in seiner wahren Identität des Barons von Gulijau dem Silberclaus entgegentritt, trifft den der Schlag, da der Fex seinem ermordeten Vater zum Verwechseln ähnlich sieht.

In diesem selbstgeschaffenen Tunnel von Haupt- und Nebenhandlungen, Intrigen , Untaten, Konflikten und Auflösungen ginge Karl May unter, hätte er nicht seinen DEUS EX MACHINA, sein Faktotum der Alpenwelt, den Wurzelsepp. Nach Ansicht des Autors steckt der Sepp ‚voller Geheimnisse wie ein Keller voll Kartoffeln’; ein wenig die bayerische, bauernschlaue Variante des Sam Hawkins ist er omnipotent und ubiquitär, bei jedem Ereignis, Unglück und Verbrechen zugegen, stets  ‚Vielem auf der Spur’; er ist der Glücksbringer, Initiator von Fügungen und Urheber von Aufklärungen, schlichtet alle Zwiste, überführt die Schufte, hilft den Verlassenen, bringt die Mutter zum Sohn, den Bruder zur Schwester, den Bräutigam zur Braut.’ ‚Dera Hergott und dera Wurzelsepp’ führen das Verwirrspiel zum guten Ende. Alles im Dienste Ihrer Majestät des Königs wie schon die Drei Musketiere bei einem anderen Ludwig: nämlich dem IV. - und wie noch James Bond bei Queen Elizabeth. Für seine Detektivereien schlüpft er sogar aus seiner Lederhose und zwängt sich in den Stadtfrack. Für das Gran Finale aber überbietet er sich selber:

Z  „ Er trug, von unten angefangen, glänzende, lacklederne Stiefeletten, schwarze enganliegende Tuchhosen, einen glänzenden Frack, nach neuester Mode gearbeitet weisse Weste, weisse Handschuhe, weisse Cravatte und einen Chapeau claque auf dem Kopfe.  Das war Alles elegant; aber der Träger dieses Anzuges war - - der Wurzelsepp.“

 

A  Karl May beherrscht das Spiel im Spiel. Wissend, dass er an Turbulenz und Faktenwust übergenug geboten hat, weiss er diese Turbulenz durch Spiegelreflexion zu brechen. Eine jener schriftstellernden Damen des 19. Jahrhunderts – die üppige Franziska von Stauffen mit ‚breitrandigem Amazonenhut und Riesenfeder und Regenschirm mit Tintenfass-Knauf’’– immer auf der Jagd nach Sujets und immer zu spät, trifft am Finalort auf den Sepp und dient dem Autor quasi als Filter für die Schlusscoda:

 

Z  „ ‚Mein Herr’, sagte sie. ‚was ist denn eigentlich hier los? Wohl eine Festlichkeit?’

‚ Das wissen Sie nicht, nun, so kommen Sie heut wohl ganz zufällig nach Scheibenbad?’    ‚Ja.’   ‚ Desto mehr werden Sie sich freuen, hier vielleicht Stoff für zehn oder zwanzig Romane zu finden.’ 

‚ Woher wissen Sie, dass ich solche Stoffe suche?’  fragte sie erstaunt. Sehen Sie mir das an?’

‚ Ich würde es Ihnen ansehen, aber ich kenne Sie ja, Fräulein von Stauffen, wie auch Sie mich kennen. Man pflegt mich den Wurzelsepp zu nennen.’

Sie trat einen Schritt zurück und  betrachtete ihn erstaunt.        ‚Wie, Sie wären der Wurzelsepp?’  ‚Gewiss.’   ‚Ja, ja jetzt erkenne ich Sie. Aber in dieser Salonkleidung?’

‚ Ich bin avanciert.’     ‚Gratuliere, aber was ist hier los?’      ‚Theaterweihe.’

‚ Prächtig. Was wird gegeben?’     ‚ Die Oper Götterliebe.’     ‚ Wie?  Herrlicher Titel. Ich möchte Sie küssen, Herr Sepp.  Wer ist der Komponist?’

‚ Der Fex.’    ‚Ist’s möglich? Jener famose Geiger von damals?    ‚ Derselbe.’

‚ Das ist ja ein Roman! Das ist ein Sujet. Das notiere ich mir. Ist er Director?’

‚ Nein, er ist Baron und Besitzer einer sehr bedeutenden Herrschaft.’  

‚ Dieser zerlumpte Bursche?’       ‚ O bitte, er war ein geraubtes Kind.’

‚Hergott! Wieder ein Stoff! Den notire ich mir. Herr Sepp, ich möchte Sie küssen!

Wer ist denn der Dichter des Textes?’ Ein früherer Schulmeister. Er kam vor kurzer Zeit aus Egypten zurück.’                ‚Ein Schulmeister in Egypten?’

‚ Der König hat ihn hinübergeschickt. Eigentlich ist er ein Sohn des Barons Alberg.’

‚Eigentlich, warum nicht wirklich?’   ‚Weil er nicht will.’

‚Himmel, ein Schulmeister, welcher kein Sohn sein will! Welch ein Stoff! Das giebt zehn Novellen. Ich werde Sie trotzdem küssen! Kommen auch Herrschaften?’

‚ Versteht sich, sogar der König.’              ‚Wer singt die Hauptrollen?’

‚ Den Gott singt der Krikelanton.’      ‚ Krik - - -? Derjenige, welcher damals in meine Schlafstube gestiegen war und dem ich dann hier allerlei Krimskrams abkaufte? Der, der ist jetzt Sänger?’     ‚ Erster Grösse. Er nennt sich Criquolini.’

‚ Wer hat die weibliche Hauptrolle?’       ‚ Signora Mureni.’

‚ Ach, das ist die Berühmteste von Allen.’     ‚ Und doch ist sie eine arme Waise.’

‚Ach!’   ‚ Ja, sie heiratet jetzt einen Grafen.   ‚ Himmel, was war ihr Vater?’

‚ Tagelöhner.’       ‚Wo hat sie sich mit dem Grafen verlobt?’             ‚Auf der Alm, ganz nahe da, wo Sie wohnten, als der Krikelanton barfuss zu Ihnen kam.’

‚ Herr Sepp, Herr Sepp! Sie bringen mich um!’“ ( Musik aufblenden)

 

A  Nach guter alter Musikroman-Tradition lässt Karl May alle Personen- und Handlungsfäden in einer Oper zusammenlaufen. Auf metaphorischer Ebene spiegelt diese Oper die Verhältnisse der Personen zueinander wider. Ausserdem rundet sich der Roman in ‚Scheibenbad- Bayreuth’ zum Wagnerschen Gesamtkunstwerk, an dem alle von Ludwig geförderten Künstler mitwirken. Neben den uns bekannten Personen Leni, Anton, Fex und Walther sind das der Architekt Rudolf von Landau, Erbauer des Opernhauses und der ‚Elephantenhanns’, ein begabter Zeichner und jetzt Bühnenbildner.

Ansonsten verkörpert „Götterliebe“ gegenüber Wagner eher einen Rückfall ins Barock: eine ‚Rheingold’-Szenerie gleichsam mit pausbackigen Engelchen und germanischen Göttern in Flittergewändern. Zudem verweist ‚Götterliebe’ auf ‚Amadeus’ – sprich Mozart. Ist sie doch vom Fex komponiert, ein Schimpfname, mit dem Mozart einst in Salzburg apostrophiert wurde.

Im Zentrum steht die Göttin Freya. Freia, die Holde, Holda, die Freie. Vielleicht stiess sich Karl May an der stiefmütterlichen Behandlung der grazilen Liebesgöttin durch Wagner und möchte sie nun wieder in ihre erotischen Rechte einsetzen. Hier und an Mays freier Auffassung der Kostüme mögen sich damalige Vorwürfe der Sittenlosigkeit entzündet haben. Explosiv lässt der Autor dann Bühnenhandlung und Realität hinter den Kulissen aufeinanderprallen:

Z  “ Der Stoff war der nordischen Götterlehre entnommen: Freya die Schöne, herrliche Göttin der Liebe, wird von Od, ihrem Gemahle, schändlich verlassen.

 Nun begann die Introduktion, und der Vorhang stieg empor. Odyn, der Allesbeherrscher, sass auf seinem Throne. Vor ihm waren die Götter versammelt. Heimdall, der Lichte, forderte die Hand Freya’s. Odyn verweigerte sie ihm und erklärte, dass sie für Od bestimmt sei.

Od, dessen Rolle der  Krikelanton sang, gab in einem Rezitativ zu verstehen, dass keine Schönheit ihn erschrecken könne und noch während er dies behauptete, fuhr er doch aufs Höchste erschrocken zurück, nicht etwa, weil das in seiner Rolle lag, sondern aus wirklichem Schreck.

Freya erschien nämlich, und er erkannte natürlich die Leni.   Ihr Auftreten rief eine rund um sich greifende Bewegung im Publikum hervor. Eine solche Erscheinung war wohl noch nie auf den Brettern gesehen worden.  Schön, lieblich und erhaben stolz zugleich schritt sie, ohne Od eines Blickes zu würdigen, bis zur Mitte der Bühne vor und begann zu singen.

Sie trug das lang herabwallende, schneeweisse nordische Göttergewand, welches auf der einen Seite im Schlitz aufgerafft war, so dass man das herrliche, rechte Bein bis zum Knie herauf sah. Um den prächtigen Busen legte sich ‚Brisingamen’, der göttliche Brustschmuck der nordischen Mythologie, blitzend von echten Brillanten, Rubinen, Saphiren, Smaragden, Topasen und anderem Edelgestein.

Ein Beifallssturm rauschte durch den Zuschauerraum. Selbst der König erhob sich, von ihrer packenden Schönheit überrascht. Aus der Fremdenloge blickte Graf Senftenberg herab. Dieses entzückende Wesen war sein, sein, sein!

Und der Krikelanton? Der stand da, sie wie eine überirdische Erscheinung anstarrend. Wenn er jetzt zu singen gehabt hätte, er hätte nicht einen Ton hervorgebracht. War denn das wirklich die Muhrenleni, vor der er heut noch ausgespuckt hatte?  Aber fast noch mehr erschrak er über den unbeschreiblichen Wohllaut ihrer Stimme. Als sie geendet hatte, war der Beifall geradezu phänomenal.“

 „Dann aber spielte sich hinter der Szene eine zwar kurze, aber hitzige Scene ab.

Leni wollte sich nach ihrer Garderobe begeben. Da trat ihr Anton in den Weg.

‚Leni,Leni!’ rief er. Du bist es – Du!’   ‚Mit wem sprechen Sie?’ fragte sie, ihn strafend anblitzend.    ‚ Mit dir natürlich, mit dir!’    ‚ Ich kenne Sie nicht!’

‚Du kennst mich, du kennst mich. Du willst mich nur nicht kennen!

Wer hätte gedacht, dass die Muhrenleni - - -

‚Es sich gefallen lassen muss, das ein einstiger Wilddieb vor ihr ausspuckt!’ fiel sie ihm in die Rede.      ‚Verzeihe es! Ich ahnte doch nicht - - -‚

‚Mögen Sie geahnt oder nichts geahnt haben, Ihr Verhalten war ein niederträchtiges!’

Sie wandte sich ab und verschwand in ihrer Garderobe. Er starrte nach der Thür derselben, ballte die Fäuste und murmelte zähneknirschend:

‚ Anton, Anton, du hast einen Himmel von dir gestossen! Aber noch ist nicht Alles verloren. Sie hat mich geliebt und muss mich wiederlieben!’“

A  Eine Illusion. Leni verschmäht den späteinsichtigen Egoisten, führt ihn aber durch weise Psychologie auf den Pfad der Selbstbescheidung zurück. Mit der seelischen Heilung des bockigen Anton ist das Nachspiel des Romans ausgefüllt. Und wieder hat der Sepp die Hand im Spiel. Es wird seine letzte Tat, denn der Gute siecht dahin in dem Moment, wo sich die tragische Geschichte in Schloss Berg vollzieht. Mit dem Ende des Königs erlischt auch das seines getreuen Knechtes.

Z  „ Sein Leben war dem Glücke seiner Mitmenschen gewidmet. Sein Wirken dauert fort.  Sein Erbe ruht in der Hand der Gräfin Senftenberg, welche es genau in seiner Weise und seinem Geiste verwendet. Es ist eine verborgene Quelle der Wohltaten.

Gar manchem, der nicht weiss, woher die Hilfe aus schwerer Noth kommt, zeigt Sepp noch nach seinem Tode durch die Hand der mild- und wohltätigen Leni den

 

                                               ‚WEG  ZUM GLÜCK.’